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Süffig: Erinnerungen an den Fürther Geismannsaal

Nicht nur Freunde des frisch gezapften Doppelbocks fühlten sich hier wie daheim - 05.07.2020 16:00 Uhr

März 1963, Geismannsaal: 18,4 Prozent Stammwürze und 7,2 Prozent Alkoholgehalt machen den Poculator zum Liebling der Fürther und der Taxi-Gilde. Beim jährlichen Fest zu Ehren des umwerfenden Fürther Doppelbocks geht es entsprechend hoch her – bis zum Abriss des Gebäudes im Frühjahr 1982.

© Foto: Knut Meyer


In Auftrag gegeben vom brauenden Brüderpaar Georg und Leonhard Geismann, galt das Gebäude an der Bäumenstraße Zeit seines Bestehens als größter Saalbau der Stadt. War er unbestuhlt, hatten hier bis zu 2000 Gäste Platz. Versteht sich, dass, wo Geismann drüberstand, ein hochprozentiges Fest 1896 den Auftakt machte. Beim Salvatorausschank ging es, sehr vorsichtig gesprochen, hoch her, 1899 etwa stürmten über 40 000 Durstige in zwölf Tagen den Saal, 630 Hektoliter Bier gingen schneller zur Neige, als den Hausärzten lieb war.

Doch nicht allein Bier floss hier. Der Geismannsaal fungierte, vor allem ab 1919 unter dem neuen Pächter Michael Most, als Stadthalle und Geselligkeits-Hotspot mit Modenschauen, Wahlkampf-Veranstaltungen, Ausstellungen und Konzerten – und er war 1926 Schauplatz der größten lokalen Radio-Liveübertragung des Endspiels um die Deutsche Fußballmeisterschaft zwischen der SpVgg Fürth und Hertha BSC Berlin. In Frankfurt holen die Fürther zum zweiten Mal den Titel, 4:1. Das begießen die Fans im Geismannsaal, der Liter zu 50 Pfennig.

Eine Luftmine zerstört im Februar 1944 den Bühnenraum, doch gleich nach dem Krieg geht hier der Spaß weiter – nach eher behelfsmäßigem denn fachkundigem Wiederaufbau, der dem Gebäudekomplex einiges von seinem Gründerzeit-Charme nimmt. Es muss weitergehen. Denn im Großraum gibt es kaum größere Säle. Wenn doch, so existieren sie nicht mehr.

Was indes nie versiegte, war das Bier. Salvator hieß Johann Geismanns Doppelbock, der erstmals 1884 in den Fässern schwamm. Nach Rechtsstreitigkeiten mit der Münchner Paulaner-Brauerei hieß der Göttertrank ab 1913 Poculator, den jährlich ausgiebig zu feiern neben dem Kärwabesuch die Lieblingsbeschäftigung der Fürther war. "Der Poculator übertraf das Münchener Bier nach Urteil von Kennern an Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit und versetzte die Großeltern alljährlich in den Zustand freudig-verklärter Begeisterung", schreibt der Philosoph Hermann Glockner, der in der NS-Zeit jedoch nicht mehr gar so geistesklar unterwegs war.

Poculator-Feiern aber gibt es bis zum Abriss 1982, als die Stadt das Areal für einen Neubau namens City-Center benötigt. 2006 erfolgt der Versuch einer Wiederbelebung des Festes – in einem Zelt auf der Freiheit, Volker Heißmann und Martin Rassau heißen die Initiatoren. 43 Jahre zuvor, 1963 nämlich, macht FN-Fotograf Knut Meyer im Geismannsaal eine geniale Aufnahme vom Poculator-Fest. Wie dort der Bär steppte, mit Händen ist das greifbar. Doch nun unsere Frage: Wer erinnert sich an die fidelen Herrschaften auf dem Bild? Wer kann erzählen von den legendären Poculator-Feiern und von der Atmosphäre im Saal? Mailen Sie an redaktion-fuerth@pressenetz.de oder schreiben Sie uns an Fürther Nachrichten, Schwabacher Straße 106, 90763 Fürth.

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