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Happy End? Das Kavierlein ist komplett gefüllt

Vom Kleingarten- zum Wohnquartier hat sich die einstige Brache gewandelt - 21.08.2019 11:00 Uhr

Die neuen Wohnblocks auf dem Kavierlein bieten rund 1000 Menschen Platz. Läden zu ihrer Nahversorgung sollen noch folgen. © Armin Leberzammer


Dieser Tage verkündete Oberbürgermeister Thomas Jung nun den offiziellen Abschluss des Projekts. Alle Wohnungen seien verkauft, letzte Arbeiten an den Außenanlagen würden noch in diesem Sommer beendet.

2004: Ein findiger Unternehmer hat eine kuriose Geschäftsidee und platziert riesige Plastik-Dinos im Dickicht. © Hans-Joachim Winckler


Damit sei ein Bauvorhaben realisiert, "das es in dieser Größenordnung in Fürth nicht mehr geben wird", wie Jung überzeugt ist. Zwischen Poppenreuther Straße, Frankenschnellweg und Espanstraße sind in den vergangenen sieben Jahren fast 330 Wohnungen, ein Pflege- und Betreuungszentrum sowie das Restaurant Vapiano entstanden – getragen von privaten Investoren wie Schultheiss Wohnbau und der BPD Immobilienentwicklung. Besonders die Bedeutung des Projektentwicklers Kochinvest streicht der OB heraus. Dieser habe entscheidend dazu beigetragen, dass am Kavierlein neues Leben erwachen konnte.

2005: Mountainbiker des RSC Fürth haben neben dem Dino-Park in Eigenregie eine Piste für ihren Sport präpariert – und zeigen dem staunenden Publikum, welche Kapriolen mit den Rädern möglich sind. © Matthias Kamm


Rückblende: 1982 erwirbt ein Versicherungsunternehmen das teilweise von Kleingärten belegte Grundstück, muss allerdings bereits zwei Jahre später eine unliebsame Entdeckung öffentlich machen. Das Chemische Untersuchungsamt der Stadt Nürnberg stellt fest, dass das Kavierlein mit Schwermetallen wie Nickel, Cadmium, Blei und Quecksilber verseucht ist. Grund war eine in Vergessenheit geratene Mülldeponie.

2008: Noch weitgehend unberührt präsentiert sich das Gelände aus der Vogelperspektive. Viel Grün hat sich breit gemacht. © Hans-Joachim Winckler


1988 kauft der Immobilienentwickler Renta-Gruppe das Grundstück, um dort ein Gesundheitszentrum in großem Stil, mit Thermalbad, Rehaklinik und Tagungshotel, zu errichten – vorausgesetzt, die Stadt übernimmt die Sanierung des verseuchten Bodens. In den folgenden Jahren wachsen sich die Vorstellungen für das Areal immer weiter aus.

2012: Der Stillstand ist vorbei, private Unternehmen haben damit begonnen, auf dem Kavierlein Wohnhäuser hochzuziehen. Innerhalb der nächsten sechs Jahre werden sie das Gelände gänzlich füllen. © Hans-Joachim Winckler


Das Thermalbad soll nun auf den Pegnitzwiesen gegenüber entstehen – was eine Bürgerinitiative auf den Plan ruft. Doch auch dem Stadtrat wird angesichts solcher Dimensionen und der geplanten massiven Eingriffe in die Talauen mulmig. Sowohl die Lokalpolitik als auch das bayerische Umweltministerium senken den Daumen.

1997 – inzwischen hat CSU-Mann Wilhelm Wenning SPD-Veteran Uwe Lichtenberg als Rathauschef abgelöst – folgt die nächste Volte: Auf dem Kavierlein-Gelände soll nun ein riesiges Multiplexkino gebaut werden, mit 24 Sälen, 5000 Sitzplätzen. Läden, Gastronomie und allerlei Amüsement.

Eine Seifenblase

Als die internationalen Investoren geballt im Rathaussaal aufmarschieren, staunen die Fürther Stadträte Bauklötze – doch die Pläne platzen letztlich wie eine Seifenblase. Die Brache hat Bestand.

Und auch Fürths nächster OB ist zunächst glücklos. In Thomas Jungs Anfangsjahren nach 2002 wird zwar bizarrerweise ein "Dino-Park" auf einem inzwischen verwilderten Teilstück des Kavierleins tatsächlich realisiert, er bleibt indes Episode.

"Eine nette Zwischenlösung", sei das gewesen, sagt Jung heute – die von ihm im Wahlkampf versprochene Lösung fürs "Kavierlein-Thema" aber lässt weiter auf sich warten. Zwischendurch dürfen sich noch Mountainbiker auf einem von ihnen geschaffenen Parcours austoben, bevor 2011 die Weichen Richtung Wohnquartier gestellt werden.

In einmal mehr neuer Eigentümerschaft entstehen nach und nach Häuser mit über 300 Wohnungen, die heute nach offiziellen Angaben rund 1000 Bewohnern Platz bieten. "Letztlich doch noch eine Erfolgsgeschichte" sei das Kavierlein geworden, findet Thomas Jung.

Im südlichen Eckgebäude sollen nun noch Läden zur Nahversorgung einziehen, dann ist das neue Viertel fertig. Dessen Vorzüge liegen für das Stadtoberhaupt auf der Hand: beste Verkehrsanbindung durch die Nähe zum Frankenschnellweg, fußläufige Erreichbarkeit der Alt- und Innenstadt, gewachsene Strukturen in der Nachbarschaft und natürlich die Nähe zu den Talauen.

Viel Platz für Grün ging verloren

Allein Naturschützer sind mit der Entwicklung nicht glücklich. Denn bevor das stattliche Areal zur Brache wurde, habe es dort viel Platz für Grün und eine Heimat für zahlreiche Kleingärtner gegeben. Die mussten Anfang der 1980er Jahre weichen, Mitte der 90er Jahre fielen die Bäume rund um den Kavierlein-Weiher.

In der Festschrift zum 70-jährigen Bestehen des Bundes Naturschutz in Fürth kritisiert Vorstandsmitglied Helga Krause denn auch die heutige Situation: Der Poppenreuther Landgraben sei "weitgehend verrohrt", und statt des natürlichen Weihers gebe es "ein künstliches Becken".

Eines der Hauptargumente des BN gegen die Bebauung aber war die einstige Funktion des Kavierleins als Frischluftschneise für die Stadt. Wer heute auf das Gelände blicke, sehe, "wie die riesigen Blöcke jede Frischluftzufuhr blockieren". Aus Sicht der Kritiker ist das deshalb kein Happy End fürs Kavierlein 

Armin Leberzammer

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