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Gefährlicher Schädling: Familie darf Baum nicht fällen

Besonders die Tochter leidet unter dem Eichenprozessionsspinner - 22.02.2019 11:48 Uhr

Auch in die Eiche der Familie Bauer müsste zur Bekämpfung der Raupen wohl ein Baumkletterer steigen, da es keinen anderen Zugang gibt. © Archivfoto: Fellner


Ein dicker Ordner mit Unterlagen liegt vor Helmut Bauer (Namen der Betroffenen geändert) auf dem Tisch. Darin abgeheftet findet sich die Korrespondenz mit der Gemeinde, Ausdrucke von ähnlichen Fällen und Informationen über die Bekämpfung des Schädlings. Draußen steht der Grund des Anstoßes: eine stattliche Eiche, deren ausladende Krone einen Teil des Gartens der Familie beschattet und unter der das Haus der Nachbarn steht.

20 Jahre lang haben die Bauers ohne Probleme mit dem Riesen zusammengelebt, seit rund drei Jahren aber ist das Verhältnis zwischen ihnen und der Eiche gestört. Ursache dafür sind die Raupen des Eichenprozessionsspinners, die sich dort angesiedelt haben. Ihre Härchen, die der Wind in einem großen Radius umhertreibt, sind für die meisten Menschen äußerst unangenehm.

Schwerer Ausschlag

Sie können stark juckende Quaddeln hervorrufen, Bindehautentzündungen oder Asthma auslösen. Besonders gelitten hat im vergangenen Jahr, dessen Hitze und Trockenheit optimale Bedingungen für den Schädling boten, Anna, die zwölfjährige Tochter. Vom Frühjahr bis in den Herbst hinein kämpfte sie mit einem solch schweren Ausschlag, dass ihr Oberkörper irgendwann voller offener Wunden war, fremde Menschen sie auf der Straße ansprachen, weil die Pusteln im Gesicht so furchtbar aussahen.

Schlimm getroffen hat es auch ihre Mutter, Helga Bauer, die wegen eines allergischen Schocks mit Cortison behandelt werden musste. Sogar die Katze blieb nicht verschont. Weil sie wohl bei der Fellpflege die toxischen Härchen verschluckte, war ihr Rachen derart entzündet, dass sie nichts mehr zu sich nehmen konnte. Nur der Tierarzt konnte sie retten.

Wegen ihrer Beschwerden kann die Familie ihren Garten kaum mehr nutzen, denn die Härchen bleiben über viele Jahre hinweg reizend. Das selbst gezogene Gemüse ist somit ungenießbar, das Laub der Eiche kann kaum entsorgt werden, da die Brennhaare auch beim Einatmen Beschwerden auslösen können. Betroffen sind auch die Nachbarn, deren Haus unmittelbar an den Baum angrenzt. Sie können manche Fenster nicht mehr öffnen, ihre Wäsche müssen sie im Haus trocknen. Auch sie sind gesundheitlich angeschlagen.

Abhilfe schaffen könnte, meint Helmut Bauer, nur das Fällen der mächtigen Eiche – so ungern das manche Menschen sehen werden. Doch die Gesundheit seiner Familie rangiere vor dem Erhalt des Baumes. Denn: Weder ein Gifteinsatz noch das Entfernen der Nester, so Bauer, löse das Problem wohl auf Dauer. Beides müsse jährlich wiederholt werden.

Doch verschwinden wird die Eiche wohl nicht, zumindest zunächst nicht. Die Baumschutzverordnung der Gemeinde Roßtal nämlich untersagt das Fällen von Bäumen bestimmter Größe im Kernort, außer sie sind etwa nicht mehr bruchsicher, verursachen Gebäudeschäden, gelten als nicht mehr verkehrssicher oder stehen einem genehmigten Bauvorhaben im Weg. Für die Außengemeinden greift die gültige Verordnung nicht.

Bürgermeister Johann Völkl erklärt dieses Ungleichgewicht damit, dass im Ortskern von Roßtal vergleichsweise wenige Bäume stehen und diese geschützt werden sollen – zumal einige von ihnen auch prägend für das Ortsbild seien, darunter auch die betroffene Eiche. In den Außenbereichen dagegen gebe es genügend Grün, das nicht ausdrücklich geschützt werden müsse.

Wie beim Kindergarten

Helmut Bauer kann das nicht nachvollziehen. Wie kann es sein, fragt er sich, dass ein Baum für einen Bau unter Umständen weichen darf – nicht aber, wenn die Gesundheit, selbst von Kindern, auf dem Spiel steht? Doch nicht nur die Baumschutzverordnung führt die Gemeinde an, für sie ist außerdem eine Entscheidung, die sie vor einigen Jahren getroffen hat, bindend. Damals waren drei Bäume auf dem Grundstück des katholischen Kindergartens von dem Schädling befallen. Auch sie durften nicht beseitigt werden. Bei dieser Haltung will die Gemeinde bleiben. Gelöst hat dieses Problem die Kirche als Träger der Einrichtung. Sie ließ die Eichen mit Gift behandeln. Mit Erfolg, wie Völkl sagt. Klagen jedenfalls habe er keine mehr vernommen.

Nun soll ein ähnlicher Einsatz auch in Bauers Garten Abhilfe schaffen – so der Beschluss bei einem Ortstermin mit Vertretern der Gemeinde nach monatelangem Ringen um eine Lösung. Als erste Maßnahme soll die ausladende Krone des Baumes beschnitten werden, um den Raupen weniger Angriffsfläche zu bieten.

Anfang Mai wird der Schädling dann mit einem Biozid bekämpft, das ein Baumkletterer ausbringt. Das Mittel, das seit September zugelassen ist, töte beinahe ausschließlich Raupen und kaum andere Insekten, sagt Völkl. Der Einsatz des Gifts soll vor der Verpuppung erfolgen und so neue Nester gar nicht erst entstehen lassen.

In Auftrag gegeben und koordiniert werden die Maßnahmen von der Gemeinde. Die Kosten in niedriger vierstelliger Höhe aber muss Familie Bauer tragen, die als Grundstückseigentümer für den Baum verantwortlich ist. Wie hoch sie genau sein werden, ist noch nicht bekannt.

Bauer indes zweifelt daran, ob der Kompromiss eine dauerhafte Lösung für sein Problem ist. Denn: Ob das Gift tatsächlich wirkt, sei von den Witterungsverhältnissen zum Zeitpunkt der Behandlung des Baums abhängig. Ein neuer Befall sei trotzdem möglich, ebenso wie die Prophylaxe im schlimmsten Fall jährlich wiederholt werden muss – was für die Familie einen enormen finanziellen Kraftakt bedeuten würde.

In jedem Fall aber wird es ein erneutes Treffen mit der Gemeinde im Herbst geben. Dann soll über den Erfolg der Schädlingsbekämpfung gesprochen werden. 

Gwendolyn Kuhn

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