Freitag, 22.11.2019

|

Fürther Genossen sehnen den Neustart herbei

Wen will die SPD-Basis an der Spitze sehen? - Die FN fragten nach - 16.10.2019 17:00 Uhr

Die Wahl des künftigen Führungsduos ist ein bedeutender Baustein im Erneuerungsprozess der SPD. Sechs Kandidatenpaare stehen zur Abstimmung. © Tim Händel


Was die Form der Abstimmung angeht, hat Thomas Jung durchaus etwas zu kritisieren. "Dass die SPD basisdemokratisch wählt, finde ich gut, aber der Zeitraum ist mir viel zu lange." Zu aufwendig, dafür aber zu wenig öffentlichkeitswirksam sei das Verfahren, findet Fürths Oberbürgermeister, der seine Wahl bereits getroffen hat. Seine Stimme gehört Olaf Scholz, auch wenn Jung dessen Partnerin bei der Kandidatur, Klara Geywitz, "nicht ganz so" unterstütze.

Scholz ist der einzige Kandidat, den Jung persönlich kennt – und das dank intensiver Treffen. Der ehemalige Hamburger Bürgermeister besteche mit Fleiß und Verlässlichkeit, mit Tugenden also, die Jung zufolge "gerade in aufgeregten Zeiten nötig sind". Allerdings räumt der Fürther Rathauschef ein, dass er in Gesprächen mit Genossen erfahren musste, dass offenbar nur wenige wie er abstimmen wollen. "Die Meinungen gehen weit auseinander", sagt Jung, "es wird auf jeden Fall eine Stichwahl geben müssen."

 

Noch nicht gewählt hat Julia Schnitzer. "Ich lasse mich da auch nicht stressen", sagt die stellvertretende Vorsitzende der Fürther Jusos. Überhaupt rät sie jedem Genossen, in Ruhe und nach eigenen Überlegungen zu entscheiden.

Ihr Favoritenpaar heißt: Karl Lauterbach und Nina Scheer. Lauterbach habe sie schon bei ihrem ersten Treffen vor zehn Jahren überzeugt. "Ich höre ihm immer gerne zu", sagt Schnitzer, "er ist eine spannende Persönlichkeit, die dem Politikalltag guttut." Bei Scheer finde sie den "etwas anderen akademischen Hintergrund" spannend: Die Bundestagsabgeordnete aus Schleswig-Holstein hatte vor dem Jurastudium bereits einen Abschluss in Musik mit dem Hauptfach Violine gemacht.

Schnitzer setzt große Erwartungen in das neue Führungsduo. Angesichts der miserablen Wahlergebnisse der letzten Jahre, müsse die SPD nun die Erneuerung schaffen. Nicht nach links, nicht nach rechts, so Schnitzer, sondern: "Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man mit der SPD eine Politik der Mitte fahren kann, die ein Auseinanderdriften der Gesellschaft verhindert."

 

Wen er wählen wird, will Matthias Dornhuber nicht verraten. Jeder habe diese Entscheidung für sich selbst zu treffen. Der Kreisvorsitzende der Fürther SPD hat nach eigenen Worten aber das Gefühl, dass von den Duos gleich mehrere "Begeisterung" bei den Genossen auslösen könnten. Dornhuber erhofft sich nichts anderes als einen Aufbruch. "Es hat sich einiges aufgestaut, was wir klären müssen", sagt er. "Wir brauchen neue Energie und Optimismus sowie eine Rückbesinnung auf das, was die Sozialdemokratie ausmacht, nämlich gemeinsam die Verhältnisse ändern zu wollen."

Die Art und Weise, wie das neue Duo gesucht wird, hält Dornhuber, der sich als großen Freund der Basisdemokratie bezeichnet, für vorbildlich. "Ich glaube an die Klugheit der Wähler und bin mir sicher, dass etwas Gutes dabei herauskommt." Er selbst werde erst kurz vor dem Stichtag am 25. Oktober abstimmen. "Ich will bis zum Ende abwarten, was noch passiert, und mich auf dieser Basis entscheiden."

 

Auf der Regionalkonferenz in Nürnberg hat [FETT]Harry Scheuenstuhl[/FETT] gar nicht erst vorbeigeschaut. "Absichtlich", wie der Vorsitzende der Landkreis-SPD sagt, denn seine Wahl steht schon seit langem fest: Olaf Scholz in Verbund mit Klara Geywitz. Er habe den derzeitigen Bundesfinanzminister schon mehrmals erlebt, begründet der Wilhermsdorfer seine Entscheidung. Ruhig und sachlich trete Scholz auf. Und, von wegen langweiliger "Scholzomat", bei Reden sei er in der Lage, seine Zuhörer "zu fesseln".

In der aktuellen Situation der deutschen Sozialdemokratie – Scheuenstuhl erwähnt beiläufig die sieben Prozent, bei denen die Bayern-SPD derzeit steht – brauche die Partei jemanden an der Spitze, der auch im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit bestehen könne. Allerdings müsse Olaf Scholz, sollte er denn von der Mehrheit gewählt werden, auch die anderen Kandidaten mitnehmen und einbinden. Das Format der Chefsuche mit den 23 Regionalkonferenzen und ihren Diskussionen hat den Genossen seiner Meinung nach gut getan.

 

Das kann auch [FETT]Thomas Zwingel[/FETT] unterschreiben. Die Beteiligung der Basis sei "positiv und eine schöne Idee". Das lässt sich, wie der Zirndorfer Bürgermeister mit Süffisanz in der Stimme bemerkt, schon daran ablesen, dass auch die Union über die Urwahl eines Kanzlerkandidaten bzw. einer -kandidatin diskutiere. Allerdings hätte sich Zwingel gewünscht, das Prozedere zeitlich "ein bissl mehr zu straffen". Ein Favoriten-Duo hat auch er: Boris Pistorius und Petra Köpping. Innere Sicherheit sei ein "zentrales Thema", meint der Rathauschef mit Blick auf den niedersächsischen Innenminister. Seine Mitbewerberin stehe als sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration für das Soziale: "eine ideale Kombi".

Aber bleibt nicht, wer auch immer die SPD künftig führen wird, nach wie vor das Dilemma Große Koalition – ja oder nein? Die Entscheidung pro GroKo sei gefallen, sagt Zwingel, und Verträge seien einzuhalten. Die SPD habe zudem viel eigene Politik durchgesetzt. Und es gelte, in Anlehnung an den ehemaligen roten Vizekanzler Franz Müntefering – nur etwas feiner formuliert: "Regierungsbeteiligung ist besser als Opposition."

 

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans – so lautet die Wahlempfehlung des Bundesvorstands der Jusos. [FETT]Verena Dippel[/FETT] betrachtet ein solches Vorgehen generell kritisch, weil Vorschläge dieser Art es so einfach machten, sich bequem zurückzulehnen. Die ehemalige Juso-Vorsitzende im Landkreis hat dagegen für Christina Kampmann und Michael Roth votiert. Das Alter war bei dem jüngsten Duo im Bewerberreigen für sie ein Argument. Die Partei brauche Verjüngung auf allen Ebenen und natürlich frische Ideen. Kampmann (39) und Roth (49) gewännen im Übrigen seit Jahren die Direktmandate für Land- und Bundestag, das zeigt: Sie kommen bei der Basis an. Roth stammt außerdem aus dem Heimatwahlkreis der gebürtigen Hessin. "Ich kenne ihn", sagt Verena Dippel, die in Oberasbach lebt. "Es gibt da also auch eine persönliche Note."

 

Johannes Alles/Harald Ehm

1

1 Kommentar

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Fürth