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Montag, 21.09.2020

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Dorf protestiert: Kein "Knoblauchsland 2.0" in Hardhof

Pläne für ein XXL-Gewächshaus sorgen nicht nur in Keidenzell für Aufregung - 09.07.2020 10:00 Uhr

Geschlossen stellt sich die Dorfgemeinschaft gegen die Pläne, auf dem 14,7 Hektar großen Aronia-Feld Gewächshäuser anzusiedeln.

© Foto: Hans-Joachim Winckler


Wer von Bräuersdorf auf der Alten B 8 Richtung Hardhof unterwegs ist, dem tut sich linker Hand kurz vor dem Dorf ein riesiges Feld auf. Aroniabeeren-Sträucher winden sich auf fast 400 Meter Länge in Reihen Richtung Horizont. 14,7 Hektar groß ist der Acker. Zwei Drittel davon würden unter Glas verschwinden, sollte ein Gemüsebauer aus dem Knoblauchsland seine Pläne wahrmachen. "Und wir haben dann das wahrscheinlich größte überdachte Gebäude Nordbayerns hier, mit einer Grundfläche, die der gesamten Altstadt von Langenzenn entspricht", wie Thomas Ziegler glaubt.


Fast so groß wie das Dorf: Protest gegen XXL-Gewächshaus


Um die Dimension zu verdeutlichen, bittet der Landwirt aus dem Langenzenner Ortsteil mit fast der Hälfte der 44 Dorfbewohner auf den Traktor-Anhänger zur Rundfahrt. Rumpelnd geht es den Feldweg an der eingezäunten Aronia-Plantage entlang; dabei machen die Hardhofer nachdrücklich klar, wie trocken es auf der flachen Hochebene ist. Die Aronia-Sträucher, die seit acht Jahren stehen, sollten eigentlich drei Mal so hoch sein, doch es fehlt am Wasser und damit auch am Ertrag. Deshalb gebe der Kagenhofer Landwirt die Kultur jetzt auf. Die Fläche steht zum Verkauf. Interessiert ist die Gartenbau Höfler GbR aus Nürnberg-Kleinreuth.

Bereits Ende April hat sich Gemüsebauer Johannes Höfler - nicht verwandt mit der Höfler-Familie, die in Keidenzell ein sechs Hektar großes Treibhaus plant – mit einem ersten Konzept für eine "Erlebniswelt" im Norden des Weilers an die drei Landwirte von Hardhof gewandt, um sie als Partner ins Boot zu holen. Damals war noch geplant, die Gemüseproduktion unter Glas mit Lehrpfad, Indoor-Spielplatz, Hochseilgarten und Bauernkaffee zu rahmen, alles kombiniert mit dem Attribut "Bio".

Seitdem das die Runde im Ort machte, treffen sich die Hardhofer einmal die Woche zur Lagebesprechung in der Laube auf dem Bauernhof der Weghorns. Die Landwirtsfamilien Weghorn und Ziegler fühlten sich von dem Bauherrn in spe gegeneinander ausgespielt.

Der ist zwischenzeitlich vom Erlebnishof abgekommen, nachdem er, wie Höfler sagt, von der Bevölkerung das Signal erhalten habe, man lebe in einer Wochenend-Idylle, die man nicht mit Tausenden Ausflüglern teilen wolle. Er hat das Projekt reduziert auf den eigentlichen Zweck: Zwei Gewächshäuser, auf einer Gesamtfläche von zehn Hektar, plus Verpackungshalle und Verwaltungsgebäude. Mit Hof- und Parkfläche wäre der Acker damit weitgehend versiegelt. Dazu ein Biomasse-Heizwerk mit sieben Megawatt Leistung, das die Wärme für die Glashäuser liefern soll. "Das könnte ganz Langenzenn beheizen", sagt Thomas Ziegler. "Und feinstaubfrei verbrennen 15 Tonnen Hackschnitzel am Tag sicher auch nicht", ergänzt Christian Paulus.

"Schützenswerter Fleck Natur"

Die Hardhofer argumentieren genauso wie die Keidenzeller, die bekanntlich ebenfalls gegen die Pläne für ein XXL-Gewächshaus in ihrem Dorf auf die Barrikaden gehen: Ein "Knoblauchsland 2.0" will keiner vor der Haustür. Ihre Heimat sei ein "schützenswerter Fleck Natur, den der Herrgott persönlich nur schwer noch veredeln könnte", hat ein junger Hardhofer im Amtsblatt formuliert. Immens sei die Flächenversiegelung, der Wasserverbrauch, der Energiebedarf, und verheerend die Folgen für die gewachsene Kulturlandschaft und die Natur. In der Summe mit der extremen Wasserknappheit ergibt das für die Hardhofer eine "desaströse Ökobilanz". Gemüsebauer Höfler setzt auf Regenrückhaltung und die Drainage des Geländes. "So wird die Fläche aber doch komplett ausgewrungen", fürchtet Ziegler. "Bei uns", sagt Karlheinz Losert, der Senior in der Runde, "sind die Voraussetzungen für so etwas einfach nicht gegeben." Er verurteilt die Treibhäuser als Agrarkapitalismus.

Marc, der Junior von Doreen und Günter Weghorn, möchte den elterlichen Betrieb weiterführen. Doch der Druck auf landwirtschaftliche Flächen, der wegen der Nähe zum Großraum ohnehin schon massiv sei, werde zu groß. "Im flächenkleinsten Landkreis Bayerns ist für Agrarfabriken kein Raum", sagt auch Kathrin Ziegler, die stellvertretende BBV-Kreisbäuerin ist. Verschärft wird die Situation im Landkreisnorden durch drei Freiflächen-Photovoltaikanlagen, zwischen fünf und 20 Hektar groß, die bei Göckershof, Keidenzell und Kirchfarrnbach geplant sind. "So bricht Stück für Stück fruchtbare Ackerfläche für die Landwirtschaft weg", sorgt sich Kathrin Ziegler.

Söders Worten müssen Tagen folgen

Martina Grüner kann sich nicht vorstellen, dass die Privilegierung, die das Baugesetz landwirtschaftlichen Betrieben für Bauten im Außenbereich einräumt, "im Ursprung dafür gedacht war, Agrarindustrie in großem Stil zu ermöglichen". Sie verweist auf Ministerpräsident Markus Söder, der dieser Tage erst getwittert hat, Bayern setze auf kleinere Betriebe, hohe Qualität, Tierwohl und Klimaschutz. "Wir brauchen mehr Agrarökologie statt Agrarkapitalismus in Deutschland", schrieb er. Solchen Worten, finden die Hardhofer, müssten schon Taten folgen, auch gesetzgeberisch.

Das sieht Thomas Ziegler nicht anders. Er sitzt seit 30 Jahren für die CSU im Stadtrat und sieht sich in einer Rolle, die ihm neu ist: "Wir sind jetzt gezwungen, Konzentrationsflächen für Mega-Gewächshäuser auszuweisen, obwohl die Mehrheit die gar nicht will." Über diese Schiene kann die Stadt zumindest Einfluss auf die Standorte nehmen.

Heute um 18 Uhr tagt der Ferienausschuss der Stadt Langenzenn, dann wird es im Alten Rathaus auch um die Ausweisung solcher Vorrangflächen gehen. Die Keidenzeller wollen ihren Protest bei einer Demonstration um 17 Uhr noch einmal unterstreichen. "Von Hardhof werden da sicher auch ein paar Bürger kommen", kündigt Kathrin Ziegler an.

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