Mittwoch, 13.11.2019

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Die Kraftzentrale Wald gibt's auch im Landkreis

Kaum draußen zu sein in der Natur, das schadet dem Menschen. Das Waldbaden wird als Therapie erfolgreich genutzt. - 11.06.2019 16:00 Uhr

Förster Raymund Filmer badet auf einer Hängematte im Wald. Von höchstem Erholungswert ist mit Sicherheit der Blick in die Baumwipfel. © Foto: Petra Fiedler


"Die Buch" mit ihren herrlichen Baumbeständen ist der ideale Ort. Denn dort, in einem der schönsten Waldflecken des Landkreises Fürth, kann man ausprobieren, wie sich das mit dem Waldbaden anfühlt. Mit was bitteschön?

Es sind an diesem Nachmittag nur wenige Naturbegeisterte in den Vortragsraum an der "Buchspitz" gekommen, um zu hören, was es mit dem Thema auf sich hat. Allerdings ist das Waldbaden längst zu einem Begriff in der Forschung und vor allem in der Medizin geworden.

Es liegt nahe, dass sich im Landkreis der "Runde Tisch Umweltbildung" unter Vorsitz von Raymund Filmer, Revierförster am Fürther Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, der Sache angenommen hat. Möglich ist ein solcher Aktionstag, weil über das EU-Programm Leader auch Umweltbildungsprojekte gefördert werden, die der Begriff "draußenSein" bündelt. Das klingt erst einmal recht sperrig, erklärt aber, warum Waldbaden im Landkreis diskutiert wird.

Denn die Entfremdung von Natur und Umwelt birgt erhebliche gesellschaftliche Probleme. Wer der Wissenschaftlerin Gisela Immich von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zuhört, bekommt eine Ahnung davon, dass diese Entfremdung krank machen und der Gesellschaft eine hohe Rechnung präsentieren kann.

"Für 2040 ist prognostiziert, dass 80 Prozent der Menschheit in Städten leben werden", erläutert sie. Die Entfernung zu natürlichen Lebensräumen werde dramatisch zunehmen. Aber schon heute mache sich der Mangel an Vitamin N (N für Natur) bemerkbar. Bei Kindern werde vom Natur-Defizit-Syndrom gesprochen. Was bedeutet: Verstand, Gedächtnis, Psyche und Körper weisen teils erhebliche Schäden auf.

Balsam für die Nerven

Im Wald herrscht ein gesundmachendes Lokalklima. Die Bäume filtern Feinstäube, setzen Duftstoffe (Terpene) frei, ihr Laub schafft ein Spiel aus Licht und Schatten. Vogelgesang, Blätterrauschen, die Distanz zu Zivilisationsgeräuschen besänftigen die Ohren und damit die Nerven. Alle Sinne des Menschen werden angesprochen. "Und selbst noch die Waldmikroben, Kleinstlebewesen also, stärken unser Immunsystem", erklärt Gisela Immich.

Der Wald als Wunderdoktor? Immich berichtet aus Japan, wo "Shinrin-yoku" den Menschen wieder hilft, Natur zu erleben. "Das war in Japan eine wirtschaftliche Notwendigkeit", erzählt die Wissenschaftlerin. Wegen Überarbeitung seien dort Leute tot am Arbeitsplatz umgefallen. "Man musste einen Gegenpol zu Burnout, Depression, Erschöpfung oder Schlafstörung finden." Inzwischen ist Waldbaden in vielen Industrienationen ein erfolgreicher therapeutischer Ansatz – in Europa spielen vor allem die skandinavischen Länder eine Vorreiterrolle.

Denn die positiven Auswirkungen auf die menschliche Psyche sind schnell messbar. "Schon drei Stunden Waldbaden an vier Tagen wird als starke Entlastung empfunden", berichtet Immich. Bayern mache sich inzwischen ebenfalls auf den Weg, eine entsprechende Therapie zu entwickeln. Dazu braucht es Wald- und Gesundheitstrainer, die Entwicklung ausgewählter Kurorte, wissenschaftliche Literatur und kontrollierte Studien. "Hier wird die LMU liefern", kündigt sie an.

Eine Waldflaniermeile rund um das Thema führen an diesem Tag Raymund Filmer und die vielen Ehrenamtlichen vom "Runden Tisch Umweltbildung" vor. Ob Imker, Bund Naturschutz, Jäger, Kräuterhexe oder die Kinder von der Wald-Live-Gruppe – jeder zeigt, was der Wald zu bieten hat. Erfreut sind Raymund Filmer und seine Mitstreiter(innen) am Ende des Tages, dass immerhin 150 Schulkinder das Waldbaden erlebten. Sie waren bereits am Vormittag in "der Buch" unterwegs und haben, so die Beobachtung, "das auch wirklich genossen".

InfoWeitere Informationen unter: ihrs.ibe.med.uni-muenchen.de/medizinische Klimatologie

Petra Fiedler

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