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Mobilfunk-Strahlung: Widerstand im Kreis Forchheim wächst

Geplanter Handyturm in Wiesenthau weckt Ängste - BI gegen 5G in Neunkirchen - 16.05.2019 08:00 Uhr

Bernd und Helga Bühnemann, Rotraud Krüger und Gerd Ahlf (von links nach rechts) deuten auf den nahen Horizont. Hier könnte künftig ein Mobilfunkmasten gebaut werden, der die umliegenden Hügel und Bäume weithin überragt. © Philipp Rothenbacher


Potenzielle Höhe: stolze 40 Meter (die Größe ist der besagten, hügelig-waldigen Umgebung geschuldet). Bürgermeister Bernd Drummer (BG) hatte den Gemeinderat in der April-Sitzung darüber informiert, dass sich die Telekom ihren bereits seit zwei Jahren geplanten Handymasten für Wiesen-thau an eben diesem Standort vorstellen könnte.

2018 war ein Bauantrag über die Errichtung einer etwa 14 Meter hohen Antenne auf dem Dach eines Privatgebäudes in der Ortsmitte von den Räten mehrheitlich abgelehnt worden. Es sollte nach Alternativstandorten gesucht werden. Doch der neue, gemeindeeigene Platz in unmittelbarer Nähe zur Langenlohe, sorgt ebenfalls für großen Unmut.

„Wir haben es aus den NN erfahren und sind erst mal aus allen Wolken gefallen“, sagt Rotraud Krüger. Sie und ihre Nachbarn schlossen sich telefonisch kurz. Rund zehn Wiesen-thauer, darunter nicht nur „Langenloher“, beteiligen sich inzwischen aktiv an einer Interessengemeinschaft (IG). Im Vordergrund stehen der IG die gesundheitlichen Bedenken, kurzum: die Strahlung, die von einem 40 Meter hohen Funkturm in 200 bis 250 Meter Entfernung der Wohnhäuser ausgeht.

Schwammige Regelungen

„Wir sind nicht der Meinung, dass die Grenzwerte, die von industrienahen Wissenschaftlern ermittelt und von der Bundesregierung übernommen worden sind, die Bürger wirklich schützen“, sagt Helga Bühnemann. „Zumal in anderen Ländern die Referenzwerte um ein Vielfaches niedriger angesetzt sind als bei uns in Deutschland“, fügt Gerd Ahlf hinzu.

Damit spricht der Wiesenthauer ein generelles, ein europäisches Problem beim Thema Funkstrahlung an – schwammige und nicht-verpflichtende rechtliche Regelungen: Innerhalb der EU gibt es keine einheitlichen Grenzwerte, lediglich eine „Empfehlung zum Schutz der Bevölkerung bei Einwirken elektromagnetischer Felder“. Und diese Empfehlung stammen aus dem Jahr 1999 – vom ICNIRP, einem privaten Wissenschaftler-Verein, der nicht nur ob seiner Nähe zur Industrie in der Kritik steht.

Wie aus einer Auflistung des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) hervorgeht, gelten beispielsweise in Italien, den Niederlanden oder der Schweiz bis zu zehnmal strengere Grenzwerte für die (elektro)-magnetischen Felder im Mobilfunk. Die dort festgesetzte Maximalbelastungen beruhen laut BfS auf dem Vorsorgeprinzip oder wurden „aufgrund der Forderung der Bevölkerung nach niedrigeren Grenzwerten eingesetzt“.

Besorgt ist die IG mit Blick auf den möglichen Masten auch wegen, wie Rotraud Krüger es nennt, „dem, was da drauf kommt“. Sprich: Wie viele Antennen? Strahlen sie rundum, also 360 Grad? Mit welcher Frequenzstärke? Kommt die 5G-Technik zum Einsatz? Und: Braucht es das überhaupt in Wiesenthau? Das Ehepaar Bühnemann erzählt, dass es unlängst die Gemeinde abgelaufen ist, jeder mit einem Smartphone in der Hand. „Praktisch hatten wir, bis auf einen ganz kleinen Bereich in einer Senke, überall Handyempfang“, sagt Bernd Bühnemann. Dazu Ahlf: „Klar, es geht sicherlich noch besser, aber der grundsätzliche Mobilfunkempfang in Wiesenthau reicht mir.“

Gemeinsame Lösungen

Was die IG ausdrücklich anmerkt: „Wir sind keine ,Mobilfunk-Gegner‘, die auf Ärger aus sind“, so Krüger. „Auch wir wollen, dass die ,weißen Flecken‘ und Funklöcher, gerade in ländlichen Gebieten, gestopft werden.“

Nur erfüllt die IG eben die Aussicht auf einen Handymast „im Vorgarten“ mit Sorge. „Wir wohnen, wir leben hier“, sagt Krüger. „Das heißt, dass wir tagtäglich dieser Strahlung ausgesetzt würden.“

300 Unterschriften

Dass nicht nur die Bewohner der Langenlohe das so sehen, beweist eine Unterschriftenliste, binnen weniger Wochen signiert von rund 300 Wiesenthauern jeden Alters. Darauf: die Forderung an die Gemeinde, „den für alle Bürger am wenigsten belastenden Aufstellungsort durch einen unabhängigen Gutachter ermitteln zu lassen.“ Und: „Dieser Aufstellungsort sollte mindestens einen Kilometer von der Wohnbebauung entfernt sein.“ Inzwischen hat die IG die Liste Bürgermeister Drummer übergeben.

Mit dem steht die Interessengemeinschaft im Austausch, es gab bereits ein Treffen. „Das war ein sehr sachliches und gutes Gespräch, der Bürgermeister will ebenfalls eine gemeinsame Lösung.“

Bernd Drummer bestätigt das: Auf einer Klausurtagung des Gemeinderats seien drei mögliche gemeindeeigene Standorte herausgesucht worden, die Telekom habe sie überprüft und die Örtlichkeit an der Langenlohe als „funktechnisch machbar“ eingeschätzt. „Zur Sendeleistung hat die Telekom noch keine Angaben gemacht“, so Drummer. Die Bedenken der Bevölkerung kann er nachvollziehen, „wir nehmen sie ernst“. Eine Lösung, mit der am Ende alle wunschlos glücklich seien, „wird es wohl nicht geben“, sagt der Gemeindechef, „denn irgendwo muss der Funkmast ja hin“.

Noch aber, betont Drummer, sei das ganze Projekt längst nicht spruchreif. „Es stehen jetzt weitere Abstimmungstermine mit der Telekom an. Was wir, auch als Gemeinderat wollen, ist Dialog und Transparenz. Es ist alles mach- und denkbar.“

Rückenwind aus dem Süden

Rückenwind erhält die IG derweil aus dem Süden des Landkreises: In Neunkirchen hat sich Mitte April die Bürgerinitiative (BI) „Stop 5G – Bürgerinitiative Franken“ gebildet. 40 Teilnehmer wollen eine, so das Ziel der Initiative, „gesellschaftliche Diskussion“ über die Folgen des neuen Mobilfunkstandards in Gang bringen Und das nicht nur wegen möglicher Gesundheitsgefahren.

Darüber würden sich Politik und Wirtschaft „ausschweigen“, sagt BI-Sprecherin Ulrike Jakob. Die Technik werde als unverzichtbar für den Wirtschaftsstandort Deutschland beworben und der Ausbau vorangetrieben – „ohne dass eine vorherige Technikfolgen-Abschätzung hinsichtlich der Risiken für Gesundheit, Umwelt, Klima und Ressourcen stattgefunden hätte“, so Jakob.

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