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Ehrenamt wird Fulltime-Job: Bürgermeister im Kreis Forchheim

Von Berufs wegen? Von wegen: Der Fall Dormitz und die Situation im Landkreis - 24.04.2019 10:35 Uhr

Job oder Ehrenamt? In Dormitz entscheiden die Bürger über die Berufsbezeichnung ihres Gemeinde-Oberhaupts. © Uwe Anspach/dpa


Die Dormitzer Verwaltung hatte unter dem ehrenamtlichen Rathaus-Chef Holger Bezold (FW/UB) Ende letzten Jahres dem Gemeinderat einen umstrittenen Antrag vorgelegt: Bezold will, dass in Zukunft ein hauptamtlicher Bürgermeister die Geschicke von Dormitz leitet. Der CSU-Ortsverband lief dagegen Sturm, Tenor: explodierende Gehaltskosten. Unter christsozialer Federführung brachte man nun den am 26. Mai stattfindenden Bürgerentscheid auf den Weg.

Da drängen sich Fragen auf:

Der gesunde Menschenverstand sagt einem: Je größer ein Ort, desto eher ein Berufsbürgermeister, der sich um ihn kümmert. Doch Größe ist nicht gleich Größe. Es gibt „mittlere“ Kreisgemeinden wie Gößweinstein (mit knapp über 4000 Einwohnern) und Wiesenttal (zirka 2500 Einwohner), die aber zusammen satte 51 (!) Ortsteile umfassen. Verstreut über die Felder, Täler, Berge und Hügel der Fränkischen gelten sie als typische „Flächengemeinden“. Selbst das „kleine“ Hiltpoltstein hat zwölf Gemeindeteile, in denen 1521 Hiltpoltsteiner, Möchser, Kemmather (beziehungsweise Kemmathener) und Co. leben.

Die Gemeinden, ihre Einwohnerzahlen und Bürgermeister. © NN-Infografik


Dass Bürgermeister von Großraum-Gemeinden bestenfalls zu jeder Feier eines hiesigen Vereins antanzen oder jeden Ortstermin zur Besichtigung eines maroden Bushaltehäuschens wahrnehmen sollten? Wünschenswert, doch bisweilen schlichtweg nicht machbar — vor allem, wenn es sich um ehrenamtliche Volksvertreter handelt.

Die Bezeichnung Flächengemeinde kann sich Dormitz wiederum nicht geben: Mit seinen aktuell rund 2116 Einwohnern liegt es bevölkerungstechnisch im unteren Mittelfeld der Landkreis-Liga, Rang zwölf von 29. Und auf dem Rad hat man eine gemütliche Nord-Süd-Durchquerung der ganzen Gemeinde (Fußballplatz bis Erleinhof) in acht Minuten geschafft.

Holger Bezold, Bürgermeister von Dormitz (ehrenamtlich). © Bezold


Aber: „Das Leben spielt sich nicht nach Feierabend, sondern tagsüber ab, da braucht es den Bürgermeister“, sagt Holger Bezold. Er wird benötigt — von der Gemeindeverwaltung, vom Ingenieurbüro, von Behördenvertretern, in lokalen und kommunalen Gremien, auf Veranstaltungen, Jubiläen, unzähligen repräsentativen Veranstaltungen. Bezold: „All das neben meinem Job zu schaffen, war schwierig“. So schwierig, dass er zum Jahresende 2018 seinen Beruf als Ordnungsamts- und Standesamtsleiter in Eckental aufgab, um seinem Ehrenamt als Bürgermeister von Dormitz auch wirklich gerecht zu werden.

Ähnlich lief es bei Kathrin Heimann (DEL), der ehrenamtlichen Rathaus-Chefin Effeltrichs. Vor ihrem Amtsantritt 2014 war sie Teilzeit-Angestellte der Sparkasse Forchheim. Dann wurde sie Bürgermeisterin und Vorsitzende der Verwaltungsgemeinschaft Effeltrich. „Ein halbes Jahr lang habe ich versucht, beides unter einen Hut zu bringen — was sich bald als unmöglich erwies“, erzählt die 44-Jährige.

Effeltrichs Rathaus-Chefin Kathrin Heimann (ehrenamtlich). © Roland Huber


Ihren Job bei der Bank hat sie an den Nagel gehängt. Mit zwei Kindern zu Hause und bis zu 45 Wochenstunden allein für Gemeindeangelegenheiten war das für Heimann die einzige Möglichkeit. „Denn mir ist dieses Amt einfach zu wichtig, als dass ich es, mehr schlecht als recht, irgendwie so nebenbei ausübe.“

Vielzahl und Art der Aufgaben eines Bürgermeisters nähmen stetig zu, erklärt Heimann. In dem Maße, in denen beispielsweise immer neue Förderprogramme und deren Fristen anstehen, wachse gleichwohl die Erwartungshaltung des Gemeinderats und der Bürger.

Obertrubachs Gemeindechef Markus Grüner (ehrenamtlich). © Foto Brinke Forchheim


Ihr Kollege Markus Grüner (CSU), ehrenamtliches Oberhaupt von Obertrubach und seiner 16 Ortsteile, pflichtet ihr bei. „Das Anspruchsdenken der Bevölkerung hat sich gewandelt“, bestätigt er. „Bürgermeister ist man heute 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche“, sagt der gelernte Elektrotechnik-Ingenieur und jetzige IT-Projektmanager.

Trotzdem: „Ich persönlich kann meinen Vollzeit-Beruf und meine Bürgermeister-Tätigkeit miteinander vereinbaren.“ Grüner habe sich arrangiert, „aber nur, weil meine Familie es auch mitmacht.“

Amt vs. Privatperson

Das Privatleben bleibe notgedrungen immer wieder auf der Strecke — eine Aussage, wie sie durch die Bank von ehrenamtlichen Bürgermeistern zu vernehmen ist. Und der Job? Den haben etliche Gemeinde-Chefs im Landkreis aus Altersgründen längst hinter sich gelassen. Für „einfache“ Angestellte ist die Doppelbelastung zwischen Firma und Rathaus sicher schwerer zu bewältigen als für Pensionäre, Betriebsleiter oder Selbstständige.

Langensendelbachs Bürgermeister Oswald Siebenbaar (hauptamtlich). © André De Geare


Selbstständig wie es Oswald Siebenhaar (UWB) als Landwirt mit Milchvieh und Pferdepension war. Doch seit seiner Wahl 2014 ist er ein Sonderfall: Er ist nicht nur der Erste, sondern auch der erste hauptamtliche Bürgermeister Langensendelbachs — obwohl er 2013, vor seinem Amtsantritt, im Gemeinderat noch gegen die letztlich beschlossene Installierung eines Berufsbürgermeisters für den 3121-Einwohner-Ort gestimmt hatte.

Und er würde, wie er nach kurzer Überlegung meint, auch heute wieder dagegen stimmen. „Man kann schönrechnen, aber Tatsache ist, dass es ein nicht unerheblicher finanzieller Mehraufwand ist, einen hauptamtlichen Bürgermeister zu bezahlen“, meint Siebenhaar. Mit kommunalen Mitteln gelte es vorsichtig zu haushalten. „Denn das Geld ist uns von den Steuerzahlern anvertraut worden.“

Siebenhaar erkennt indes an: „Es gibt im Leben nicht nur Schwarz oder Weiß.“ Wenn jemand eine Regelarbeitszeit habe, „dann ist es mühsam. In manchen kleineren Gemeinden im Landkreis ist es schier unmöglich, die Bürgermeister-Arbeit ehrenamtlich zu leisten“. Siebenhaar erzählt, dass es für viele seiner potenziellen Mitbewerber bei der Wahl 2014 zeitlich nicht machbar gewesen wäre, Rathaussessel und Bürosessel gleichermaßen auszufüllen.

Markus Grüner drückt es anders aus: „Niemand, der dieses Amt nicht einmal inne hatte, kann beurteilen, wie es wirklich ist.“ 

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