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Alle Küchenschellen in Hiltpoltstein gestohlen?

100 seltene großblühende Hahnenfußgewächse verschwanden unter ungeklärten Umständen aus einem Biotop - 01.05.2019 16:36 Uhr

So haben die Küchenschellen im Vorjahr geblüht. Jetzt sind die Pflanzen plötzlich verschwunden, sie sind reihenweise ausgestochen worden, vermuten Naturschützer.


Gut 100 Küchenschellen haben in einer als Biotop ausgewiesenen Fläche im vergangenen Jahr noch geblüht und mit ihren lilafarbenen Kelchen die Wanderer erfreut. Nun sind dort nur noch Grabspuren zu finden.

Wurde die geschützte Küchenschelle gestohlen? Oder war es ein Frevel des Dachses? Das fragt sich nicht nur Alois Stenglein, der vor wenigen Wochen Löcher im Erdreich fand. Wie in anderen Orten im Landkreis, lag auch hier für den Fränkische-Schweiz-Verein (FSV) Hiltpoltstein der Verdacht nahe, dass ein Pflanzendieb am Werk war.

"Gehört angezeigt"

"Es ist eine Tat, die eigentlich angezeigt gehört", betont Friedrich Oehme, Geschäftsführer des Bund Naturschutz (BN) Forchheim. Nicht nur er, sondern auch Reinhold Geldner, Vorstand des FSV Hiltpoltstein, vermuten, dass diese Pflanzen ausgegraben werden, um sie in den eigenen Gärten anzusiedeln. Das passiere nicht nur bei der Küchenschelle. Auch Orchideen oder Märzenbecher würden häufiger ausgegraben, um sie im eigenen Garten zu kultivieren.

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Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist. "Die Bodenverhältnisse passen nicht", erklärt Oehme und nennt es einen Frevel, dass die Pflanzen deshalb verkümmern und verloren sind. Jetzt ist dieses Pflanze fast aus der Landschaft verschwunden.

Fast ausgestorben

"Es gibt insgesamt nur noch wenige Küchenschellen", erklärt Rotraud Krüger. Sie ist Botanikerin und Mitglied beim BN Forchheim. Auch in anderen Bundesländern wurde die Küchenschelle gern ausgegraben und ist fast ausgestorben. Im Vergleich dazu komme sie in Bayern noch relativ häufig vor, so Krüger über die Küchenschelle, die als gefährdet eingestuft ist.

"Dies liegt vor allem an Veränderungen ihres Lebensraums, zum Beispiel an der Düngung oder durch Brachen mit anschließender Verbuschung", erklärt Michael Weiser von der Regierung von Oberfranken. Dass die Küchenschelle so begehrt ist, liegt ihrer Besonderheit. "Sie gehört zu den ersten blühenden Pflanzen im Frühjahr und ist wegen ihrer intensiven Färbung und den relativ großen Blüten durchaus auch attraktiv. Manche Standorte werden im Frühjahr regelmäßig von Naturliebhabern besucht. Gleichzeitig sind sie natürlich auch eine wichtige Nahrungsquelle für die ersten Wildbienen und andere blütenbesuchende Insekten. Bei einer Entnahme aus der Natur fehlt diese Nahrungsquelle", erklärt Weiser.

Von den Pflanzen ist nichts mehr übrig. Zu sehen sind nur noch Löcher im Boden, wo einst die als gefährdet eingestufte Blume gewachsen ist.


Die Naturschützer haben kein Verständnis für diese Blumensammler. "Man kann die Küchenschelle in jeder Baumschule kaufen. Sie sind nicht so teuer. Ich verstehe nicht, warum man sie ausstechen muss", ärgert sich Krüger. Und das offensichtlich in Mengen. Ob hier ein "gewerblicher" Nutzer am Werk war, dieser Verdacht wurde in Hiltpoltstein geäußert. Verwendung findet die Küchenschelle in der Homöopathie, wo sie unter dem Namen "Pulsatilla" bekannt ist.

"Die Küchenschellen für das homöopathische Mittel ,Pulsatilla’ kultiviert die Deutsche Homöopathieunion selbst", sagt Wolfgang Kern, der in Karlsruhe für die Kommunikation der Union zuständig ist.

Homöopathen züchten selbst

"Arzneimittelhersteller müssen Auflagen erfüllen. Das wird streng kontrolliert", sagt Kern. Die für die Herstellung notwendigen Pflanzen werden stammen aus zertifizierten Wildsammlungen und werden selbst angebaut.

Ina Förster-Köhler vom Landesverband Bayerischer Apotheker bestätigt, dass die Küchenschelle nicht als pflanzliches Heilmittel eingesetzt werden kann. Die enthaltenen Toxine sind schwer hautreizend. "Früher wurde sie als Abtreibungsmittel verwendet, da sie angeblich schwere Krämpfe verursacht", erzählt die Fachapothekerin für Naturheilverfahren aus Winkelhaid. Solche Toxine haben alle Hahnenfußgewächse, zu denen die Küchenschelle gehört.

Mittlerweile sind die Leute vom FSV noch auf eine andere Spur gestoßen: "Es gibt dort einige Dachsgrabspuren", sagt Reinhold Geldner. Das Wildtier habe dort einen Weg durch das Gelände. Was mit den Küchenschellen passiert ist, bleibt für alle ein Rätsel. 

PETRA MALBRICH

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