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Feiern und Corona? Fränkischer Virologe warnt vor Superspreadern

Experte mahnt auch im Freien zur Vorsicht mit Augenmaß - 08.07.2020 05:24 Uhr

Dichtes Gedränge  wie auf dem Bild mitten in der Nürnberger Innenstadt, könnte zu zahlreichen Corona-Neuinfektionen führen, wenn sich ein sogenannter Superspreader in der Menge befindet.

© Stefan Hippel


In Kiel haben sich vor wenigen Tagen bei einem Fest bislang mehrere Erwachsene und ein Kind mit Covid-19 infiziert. Die Feier fand unter freiem Himmel statt. Wie konnte sich das Virus im Freien so gut übertragen?

Bernhard Fleckenstein: Aerosole verhalten sich sowohl in geschlossenen Räumen als auch im Freien ähnlich. Im Großen und Ganzen ist aber die Dichte im Freien geringer. Aerosole können draußen durch den Wind weggeblasen werden. Bei der Verbreitung des Virus ist auch die Quantität wichtig. Es gibt Infizierte, die viel Virus ausscheiden. Das sind die sogenannten Superspreader. Wenn ein Superspreader unter den Feiernden war, konnten sich auch im Freien viele Menschen anstecken.


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Sollte man also, solange kein Impfstoff oder Medikamente gefunden sind, auf Feiern – auch im Freien – verzichten?

Fleckenstein: Das ist alles eine Frage des Augenmaßes. Wir haben bisher gesehen, dass in geschlossenen Räumen mehr passiert ist. Ich finde die Regelung, so wie sie im Augenblick ist, vernünftig: in engen, geschlossenen Räumen gibt es die Maskenpflicht. Eine Maskenpflicht im Freien halte ich hingegen für nicht realisierbar. Das ist auch eine Frage der Akzeptanz in der Bevölkerung.

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Wie gefährlich sind Feiern momentan überhaupt? Immerhin ist die Infizierten-Zahl in der Region überschaubar und damit eine Ansteckungsgefahr vermeintlich gering.

Fleckenstein: Im Augenblick bin ich tatsächlich mehr beunruhigt als noch vor zwei Monaten. Damals hatten wir einen kontinuierlichen Rückgang der Zahlen. Jetzt sehen wir leider, dass sich auch in der schönen, warmen Jahreszeit Menschen anstecken - wenn auch auf konstantem Niveau. Wenn die kältere Jahreszeit anbricht, könnte es unkalkulierbarer werden. Man sollte das Virus daher nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich denke, dass eine zweite Welle wahrscheinlich nicht kommen wird – zumindest nicht in der Form wie im März oder April. Wenn aber auch nur ein signifikanter Anstieg in der kalten Jahreszeit verzeichnet wird, könnte das einen schrecklichen Effekt haben. Die Leute sind genervt und folglich kommen Diskussionen um einen Lockdown wieder auf. Die Leidensfähigkeit der Menschen ist, aufgrund der Geschehnisse im Frühjahr, begrenzt. Das macht mir Sorgen.

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Bereitet Ihnen das Gedränge am Tiergärtnertorplatz in Nürnberg Sorgen? Könnte damit die Zahl der Infizierten wieder bedenklich steigen?

Fleckenstein: Wir haben bei den Coronaviren eine ungewöhnliche Epidemiologie. Ich denke hier an die Superspreader, die es in dieser Form nur bei diesen Viren gibt. Das macht eine Einschätzung sehr schwer. Deshalb würde ich mich nie auf der sicheren Seite fühlen. Man kann nicht ausschließen, dass es auch in Nürnberg zu einem Superspreading-Ereignis kommt. Ob dieses dadurch entsteht, dass sich viele Leute über Vorschriften hinwegsetzen, ist nicht entscheidend. Bisherige Superspreading-Events waren nach dem Zufallsprinzip über die Landkarte verteilt. Flächendeckend sind diese Ereignisse nicht sehr häufig, es ist also nicht wahrscheinlich. Aber trotzdem ist die Gefahr da.

Die Zahl der Gäste einer privaten Feier ist bei uns in Bayern begrenzt. Erlaubt waren bis heute 50 in geschlossenen Räumen oder bis zu 100 Teilnehmer unter freiem Himmel. Ab sofort sind jeweils doppelt so viele erlaubt. Wie kommen diese Zahlen zustande?

Fleckenstein: Diese Zahlen sind natürlich geschätzt und ich glaube, die Schätzung ist sinnvoll. Wir müssen stets überlegen, welche Mittel eine Übertragung minimieren können. Auf der anderen Seite muss auch überlegt werden, was gesellschaftlich akzeptabel ist. Ich würde sagen, dass wir die Regeln so beibehalten sollten. Sollten mehr als 50 Corona-Fälle pro 100 000 Einwohner auftreten, müsste man sowieso neu entscheiden. Ich finde, wir sind auf einem vernünftigen Weg. Und jeden Schritt kann man nicht exakt planen.


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