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Ostern oder anders: Ein Tag voller Glück

Drei Redakteure, drei Geschichten zum Osterfest in der Kindheit - 21.04.2019 11:00 Uhr

Ein Feldhase sitzt am frühen Morgen auf einem mit Morgentau überzogenen Feld. Oder, moment: Ist das nicht der Osterhase?


Ostern war, als ich klein war, fast so schön wie Weihnachten. Das lag vor allem daran, dass Papa sich den Samstag immer frei nahm, damit wir zusammen ins Ferienhaus meiner Großeltern fahren konnten. Dreißig Minuten waren das mit dem Auto bis in den Steigerwald. Dreißig Minuten, die in meiner Erinnerung so schön erscheinen wie ein ganzer Tag: Außen flogen die Wiesen und die Felder vorbei, neben mir auf der Rückbank des Volvo saß meine Schwester und vorn meine Eltern.

Manchmal lag Mamas Hand auf der von Papa, und Charlotte und ich spielten das kichernd auf der Rückbank nach, bis sie es merkten. Dann drehte Mama verlegen das Radio an und wir sangen Lieder. Ich fühlte mich so unbeschwert und frei, dass ich meine kleine Hand auf Papas Schulter legte. Er griff dann nach ihr und drückte sie kurz, meine Kinderhand mit seiner großen, warmen Papahand. Eine kurze Berührung voller Liebe und Geborgenheit.

Großvater empfing uns meist verschwitzt, im großen Garten gab es immer etwas zu tun. Und meine Großmutter kochte duftende Marmelade oder backte einen Kuchen.

Wir Kinder liefen als allererstes zu den kleinen Holzdosen im Wohnzimmer, um nachzusehen, welche Süßigkeiten darin auf uns warteten. Dann steckten wir uns den Mund voller Bonbons und rannten laut schreiend in den wundervollen Garten. Wir kletterten auf die Bäume, wir versteckten uns in den Büschen, wir buddelten im Sandkasten, beobachteten Vögel beim Baden in der Regentonne und schaukelten so hoch, bis wir das Gefühl bekamen, wir würden fliegen.

Irgendwann, wenn die Knie längst schmutzig waren, rief uns Mama nach innen. Großvater setzte mich auf das eine, meine Schwester auf das andere Bein, die alten Kinderbücher in der Hand, die er schon meiner Mutter vorgelesen hatte, als sie noch so klein gewesen war wie wir. Dazu steckten wir uns so viele Gummibären in den Mund, dass bald die Backen schmerzten vom vielen Kauen. Man kann nicht sagen, wer dieses Ritual mehr genoss: Wir oder Großvater, der nichts auf der Welt so sehr liebte, wie seine Enkelkinder. Manchmal schlief ich sogar ein, den Mund voller Süßigkeiten, die Erschöpfung vom Toben auf den Lidern, den warmen, faltigen Arm von Großvater auf mir und seine ruhige, tiefe Stimme in meinen Ohren.

Ein in der Sonne geschmolzenes Nougat-Ei

Meist waren wir aber so vertieft in die aufregenden Geschichten, dass wir es nicht bemerkten, wie Großmutter und Mama sich nach außen schlichen. Als sie zurückkamen, behaupteten sie mit großen Augen, den Osterhasen gesehen zu haben. Meine Schwester und ich sprangen von Großvaters Beinen und fragten aufgeregt, wie er genau ausgesehen habe, wo im Garten er genau gelaufen war – wir fragten so viel und erhielten so detailierte Antworten, dass wir selbst später, als wir eigentlich längst nicht mehr an den Osterhasen glaubten, uns nicht mehr sicher waren, ob es ihn nicht doch gibt.

Mit Schüsseln liefen wir hinaus und begannen zu suchen. Es waren so viele Schokoladeneier und die immer gleichen Verstecke, dass die Schüsseln schnell voll waren. Auch Papa kam hinter seinen Zeitungen hervor, spazierte durch den Garten und aß, wann immer er ein Ei fand, es auf der Stelle auf. So konnte man später, wenn die Eier unter allen aufgeteilt wurden, nie sagen, ob wirklich alle gefunden wurden oder nicht. Monate später fand Großmutter meist beim Unkraut jäten dann noch ein in der Sonne geschmolzenes Nougat-Ei im Beet.

Nach dem Abendbrot, wir Kinder bekam keinen Bissen mehr in unsere kleinen, vollen Bäuche, umarmten wir Großmutter und Großvater lange. Dann kletterten wir müde ins Auto. Wir schliefen immer ein auf der Heimfahrt, meine Schwester und ich. Es war das letzte, ganz große Glück dieses Tages zu wissen, dass Papa uns später ins Haus tragen und in unsere Betten legen wird, Mama und er uns dann zudecken und uns noch einen Kuss geben werden. Voller Vorfreude darauf warf ich noch einen letzten, müden Blick nach vorn und sah Mamas Hand, wie sie auf der von Papa lag.

Folge 1: Ostern als Erstgeborener, von Markus Hörath

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