Sonntag, 17.11.2019

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Bunter Museums-Comic für Heroldsberg

Der Graphiker Thomas Gruber arbeitet fürs Weiße Schloss - 05.10.2019 12:30 Uhr

Liebeshändel rund um die tugendsame Kunigunde: Thomas Gruber zeigt eine Doppelseite aus dem von ihm illustrierten Heft. © Edgar Pfrogner


Willkommen im Weißen Schloss zu Heroldsberg! Entdecke im Schlossmuseum, wie spannend Geschichte sein kann, wenn sie in Geschichten erzählt wird. Etwa mit dem schwarzen Husaren, den schneeweißen Tempo-Taschentüchern, der unstandesgemäßen Liebesgeschichte und dem obligatorischen Schlossgespenst. Und ja, auch deine Familie hat eine Vergangenheit, die weit zurückreicht. Frag mal deine Großeltern!

"Auf Spurensuche im Weißen Schloss Heroldsberg", so heißt ein zwanzig Seiten starkes, an der Museumskasse erhältliches Heft, mit dem Grundschulkinder ihren historisch-kulturellen Spürsinn schulen können. Kein dröger Führer, sondern ein pfiffiges Heft, das die angehende Grundschullehrerin Lisa Hafer konzipiert und getextet hat. Indes: Was nützt der anregendste Text ohne Illustrationen.

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Die Schatzkammer im Weißen Schloss

Das Depot des Museums im Weißen Schloss in Heroldsberg ist eine wahre Fundgrube. Sowohl Kunstwerke in reicher Zahl befinden sich hier als auch historische Dokumente, Fotografien und Objekte, wohl temperiert unter dem Dach. Museumsleiter und Vorsitzender der Heroldsberger Kulturfreunde, Eberhard Brunel-Geuder, zeigt die Schätze interessierten Besuchern.


Hier nun kommt Thomas Gruber ins Spiel. Der 54-jährige Tennenloher Graphiker hatte jahrelang erst in diversen Werbeagenturen gearbeitet, dann sich als freier Graphiker versucht. Doch mit dem Niedergang der Quelle und den ständigen Umstrukturierungen bei Siemens wurden die Rahmenbedingungen immer diffiziler: "Mit der Zeit wurde der Druck immer größer", erinnert sich Gruber. "Du musstest in immer kürzerer Zeit immer mehr Arbeit leisten. Bei immer weniger Bezahlung. So können die Gedanken nicht fließen."

Nun arbeitet Thomas Gruber in der Verwaltung der Uni Erlangen. Doch ganz hat er Stift und Pinsel nicht zur Seite gelegt. Als Lisa Hafer ihn für die Illustration ihres Heftes ansprach, war Gruber sofort Feuer und Flamme. "Diesmal hatte ich ja Zeit. In einem guten halben Jahr war das Heft fertig."

Verschlungener Weg

Ein halbes Jahr für zwanzig Seiten? Bis zum Endergebnis ist es meist ein verschlungener Weg, wie der Graphiker weiß: "Für Handwerker und Mittelstands-Betriebe hatte ich Logos und Autobeschriftungen kreiert, das ganze Rundum-Sorglos-Paket. Der Witz daran ist: Man arbeitet so viel, damit es immer weniger wird. Ein Logo darf nicht überladen sein." Erfahrung mit Schulheften hat Gruber bereits, für Rechtschreib-Kladden und Grundschullektüre hatte er bereits vor Jahren die "Bazis" kreiert, pelzige Kopffüßer mit großen Augen und Mündern.

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Pralles (Kultur-)Leben im Weißen Schloss

Einer von vier Herrensitzen der Patrizierfamilie der Geuder in Heroldsberg war das Weiße Schloss, erstmals um 1470 errichtet, im 2. Markgrafenkrieg (1552-1554) zerstört und in den späten 1560-er Jahren wieder aufgebaut. Nach über 400 Jahren im Besitz der Geuders kaufte der Markt Heroldsberg das Weiße Schloss; es wurde Rathaus, zwischenzeitlich auch Kindergarten. Seit April 2017 ist das Schloss für die Öffentlichkeit zugänglich _ in vielerlei Funktionen: als Museum, Musikschule, Hochzeitsort und vieles mehr.


Im Heft wie im Weißen Schloss tummeln sich zwar keine Bazis, wohl aber die Hausherren. Nämlich Anna Hedwig von Wietersheim und ihr Gemahl Philipp Carl von Geuder-Rabensteiner. Ihre Porträts hängen im heutigen Trauzimmer, wo sie skeptische Blicke auf die Pärchen werfen. Im ersten Anlauf hatte Gruber die alten Porträts übernommen, doch dann kamen ihm die Schlossherren etwas zu streng vor. Weshalb er ihnen als Comicfiguren bei gleicher Frisur und Kostümierung mildere Züge verlieh. Dritter im Bunde ist ein Detektiv im Sherlock-Holmes-Kostüm mit Lupe und Entdeckerblick. Auch der hatte einen Transformationsprozess durchlaufen, nämlich eine Verjüngung. Weg mit dem Altherrenschnauzer, her mit dem wachen Kindergesicht!

Doch Comic-Stil ist nicht alles. Da kommen noch historische Landkarten, alte Ansichten und neue Fotos von Heroldsberg hinzu. Auch Fritz Griebel, dem Heroldsberger Maler und erstem Direktor der Akademie der Bildenden Künste nach dem Zweiten Weltkrieg, sind zwei Seiten mit seinen Gemälden und Scherenschnitten gewidmet. Und da muss auch längst nicht jedes Bild schön senkrecht dastehen, es darf ruhig auch mal in die Schräge kippen.

Und jetzt was fürs Herz: Schulklassen können an Ort und Stelle die Sage von der tugendsamen Kunigunde und dem Brautbecher nachspielen! Die Kunigunde war in den Goldschmied Johann verliebt, der aber war ihrem Vater nicht gut genug und landete auf sein Geheiß im Kerker. Freien dürfe er die Kuni erst, wenn Johann einen Brautbecher schmiede, aus dem beide ohne zu verschütten trinken können. Und Johann schmiedete den Brautbecher, der noch heute im Schloss in der Vitrine steht: eine Frauengestalt im Rock (großer Becher), die ein schwenkbares Schälchen über ihrem Kopfe hält. Sieg auf ganzer Linie! Kurioserweise trägt in der Illustration Schmied Johann eine schwarzweiß gestreifte Mütze wie der junge Albrecht Dürer auf seinem Selbstporträt. Ein dezenter Hinweis auf Dürers Vater, der Goldschmied war?

Zornbebender Vater

Aber ganz ohne Änderung ging es auch hier nicht. Ursprünglich war Kunigunde grün gewandet, während der zornbebende Vater in dunklem Rot knurrte. Doch die Kostümbildnerin hatte andere Farben im Sinn. Im Spiel trägt Kunigunde Rot, ihr Vater hingegen Blau. Also passte Thomas Gruber schnell die Farben der Realität an. "Erwachsenen mag das vielleicht nicht gleich auffallen, Kindern aber schon", weiß der Graphiker. "Die haben einen scharfen Blick und fragen sofort: Warum trägt die Kunigunde denn andere Farben als im Heft?"

REINHARD KALB

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