Samstag, 14.12.2019

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Staatsanwalt fordert Sicherheitsverwahrung für Messerstecher

Nachdem ein 30-Jähriger seine Ex-Frau im Juni 2018 schwer verletzt hatte, ist er wegen versuchten Mordes angeklagt, heute soll vor dem Landgericht das Urteil fallen. - 11.07.2019 17:30 Uhr

Ein letztes Mal habe der Angeklagte seine Ex-Frau am 18. Juni 2018 umarmen wollen, gab er vor, doch er griff zum Messer. © Archiv-Foto: Stefan Blank


Am 8. Juni 2018 rammte er seiner Ex-Frau Anne K. (Namen aller Betroffenen geändert) 24 Mal ein Messer in den Körper – zu dem Treffen an jenem Nachmittag in der Weinturmstraße war es gekommen, weil er seine Ex-Frau und die gemeinsame vierjährige Tochter unbedingt sehen wollte. Er gab vor, Anne K. ein letztes Mal umarmen zu wollen, dabei steckte ein Messer mit 16,5 Zentimeter Klingenlänge hinten in seinem Hosenbund. Laut Anklage titulierte er Anne als "Schlampe" und schrie, "wenn ich dich nicht haben kann, soll dich niemand mehr haben", als er auf die völlig arg- und wehrlose Frau einstach.

"Ich ließ mich damals auf das Treffen ein", sagt Anne K. heute, "ich wusste ja, dass er vorher ohnehin keine Ruhe gibt." Mehr als ein Jahr ist seit der Bluttat vergangen, Anne K. sitzt als Zeugin vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth und schildert, dass es ihr zu schaffen macht, wenn das Wetter umschlägt. Einige der Stiche verletzten ihre Lunge, sie sei kurzatmig geworden, erklärt Anne K. – wie lange ihre Schmerzen sie noch quälen werden, kann die 34-Jährige nicht beantworten.

Es sei schwer, Termine bei den ausgebuchten Fachärzten zu bekommen. Überhaupt sei vieles schwer seit dem Verbrechen: Anne K. verdiente ihren Lebensunterhalt als Bedienung, seit ihr Ex-Mann sie beinahe getötet hat, ist sie arbeitsunfähig. Sie schafft es noch nicht, vielen Leuten gleichzeitig zu begegnen, sagt sie. Nachts liegt sie manchmal wach. Doch ihre beiden Töchter wollen versorgt werden und die größere Tochter fühlt sich verantwortlich für die Tat, hatte sie doch der Mutter zum Treffen mit Oliver K. geraten. "Sie ist einfach ebenso gutmütig wie ich", sagt Anne K. und es ist zu ahnen, wie sehr sie sich bemüht, dem Kind die Last der selbst vermuteten Schuld zu nehmen.

Lebenslänglich gefordert

Die Verletzungen waren zum Teil lebensgefährlich, erläutert Professor Peter Betz, Direktor am Institut für Rechtsmedizin in Erlangen. Anne K. erinnert sich, dass sie erst geglaubt habe, ihr Ex-Mann schlage ihr mit den Fäusten auf den Rücken – als er die Lungen erwischte, wurde ihr klar, dass er ein Messer hatte.

Geht es nach Oberstaatsanwalt Roland Fleury, muss Oliver K. sehr lange hinter Schloss und Riegel: Fleury fordert für den versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung eine lebenslange Freiheitsstrafe. Grundsätzlich sieht das Gesetz für einen Mordversuch dieselbe Strafe vor wie für einen vollendeten Mord, also lebenslang – allerdings wird in aller Regel von einer lebenslangen Strafe abgesehen.

Und Fleury will noch mehr: Er beantragt auch die Sicherungsverwahrung und greift damit zum schärfsten Schwert, dass das Strafrecht zu bieten hat. Folgt die Strafkammer seinem Antrag, kommt Oliver K., auch wenn er seine Strafe abgesessen hat, erst wieder in Freiheit, wenn er – attestiert von Psychiatern – nicht mehr als gefährlich gilt. Anders als eine Haftstrafe, steht die Sicherungsverwahrung in keinem direkten Zusammenhang mit der Schuld des Täters. Sie dient dazu, die Gesellschaft vor gemeingefährlichen Tätern wie Oliver K. zu schützen. Er bekommt im Freiheitsentzug die Möglichkeit zur Therapie, im Idealfall damit die Chance zur positiven Kriminalprognose und zur Entlassung.

Während der Beweisaufnahme war zu hören, wie vielversprechend die Beziehung zwischen Oliver und Anne K. begonnen hatte. "Wir haben viel gelacht", erinnert sich Anne K., doch unter Alkohol und Drogen zeigte Oliver K. sein zweites Gesicht – der vier Jahre jüngere Mann wurde zum Tyrannen. Er soll Anne immer wieder zum Sex gezwungen haben, beschimpfte und bedrohte sie. An Silvester 2015 sei er zum Beispiel mit einem Messer auf sie losgegangen – angeblich ein Scherz. Einige Wochen später rastete er im gemeinsamen Haus völlig aus. Zweimal flüchtete Anne K. ins Frauenhaus und ließ sich von den Versprechungen ihres Partners wieder nach Hause locken – und Oliver K. steigerte seine Drohungen. Er kündigte an, sie mit Säure zu überschütten, um ihre Augen zu blenden. Sie solle ihre Kinder nicht aufwachsen sehen.

Drogen im Übermaß

Als Oliver K. im Jahr 2018 eine stationäre Suchttherapie antrat, vorher war er an zwei Therapien gescheitert, hoffte Anne K. erneut auf Besserung. Doch Anfang Juni 2018 flog der Mann aus der Einrichtung, weil er rückfällig wurde und mit Mitpatienten eine Drogenparty gefeiert hatte. Zurück in Bad Windsheim, dies räumt er selbst ein, dröhnte er sich am 8. Juni 2018 mit Alkohol, Haschisch und Kräutermischungen zu – heute behauptet er, er habe seine Frau im Rausch niedergestochen.

Der 30-Jährige habe einen Hang, Alkohol und Drogen im Übermaß zu sich zu nehmen, deshalb wurde er auch kriminell, meint Oliver K.s Strafverteidiger Timo Fuchs. Der Anwalt plädiert daher dafür, K. in eine Entziehungsanstalt einzuweisen, statt ins Gefängnis zu stecken. Er fordert, den Angeklagten nur wegen gefährlicher Körperverletzung zu verurteilen, die Strafhöhe stellt er in das Ermessen des Gerichts. Die Urteilsverkündung ist für den heutigen Donnerstag vorgesehen.

ULRIKE LÖW

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