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Sonntag, 16.06.2019

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Raupen droht erneut Ungemach aus der Luft

Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft plant Mimic-Einsatz – Erstmals ist Anmeldung erforderlich - 26.03.2019 18:39 Uhr

Bald fressen sie wieder, die Raupen des Schwammspinners. So wie hier, aufgenommen im Frühjahr 2018 im Ickelheimer Wald. © Archiv-Foto: Günter Blank


Interessant ist dabei eine Umkehr bei der Vorgehensweise. Mussten die Eigentümer von innerhalb der Bekämpfungskulisse gelegenen Waldstücken 2018 noch Widerspruch einlegen, wenn sie ihre Flächen frei von Mimic und dessen Wirkstoff Tebufenozid halten wollten, so müssen sie sich nun anmelden, wenn sie dabei sein wollen. Dies ist um so bemerkenswerter, als es Jahre gab, in denen sogar jeglicher Widerstand zwecklos war, vielmehr die Bekämpfung der Raupen mit dem mittlerweile nicht mehr zugelassenen Häutungshemmer Dimïlin angeordnet und durchgeführt wurde, ob es dem Waldbesitzer passte oder nicht.

Nach Einschätzung von Hans-Peer Beetz vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Uffenheim liegt diesem Paradigmenwechsel eine politische Entscheidung zugrunde, wurde er doch vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten angeordnet.

Apropos Landwirtschaftsministerium: Dieses überraschte Ende 2018 mit der Antwort auf eine von der unterfränkischen Grünen-Landtagsabgeordneten Kerstin Celina gestellte Anfrage zur "Bekämpfung des Schwammspinners mit Insektiziden". Celina hatte wissen wollen, welche der 2018 ermittelten Kahlfraßstellen in der Bekämpfungskulisse lagen, aufgrund von Einsprüchen aber nicht bekämpft wurden. In ihrem Antwortschreiben nennt Ministerin Michaela Kanniber unter anderem ein 7,5 Hektar großes Gebiet bei Rüdisbronn. Dort aber, sagt Stadtförster Sven Finnberg, könne von Kahlfraß keine Rede sein, allenfalls von einem Lichtfraß. Hans-Peter Beetz, um seine Einschätzung gebeten, verwies auf fließende Grenzen bei der Definition der Begriffe, tendierte aber doch eher zu Finnbergs Bewertung, während Dr. Ralf Petercord, Leiter der Abteilung Waldschutz bei der LWF, die in seinem Haus entwickelte Kahlfraßtheorie favorisiert. Inzwischen ist im besagten Wald die Schwammspinner-Population zusammengebrochen, auch ohne Mimic-Einsatz. Dies sei nach einer der periodisch wiederkehrenden Massenvermehrungen üblich, zudem könnten das Werk des Großen Puppenräubers – eines Laufkäfers, der in großen Massen Puppen und Larven des Falters vertilgt – sowie andere Faktoren eine Rolle gespielt haben, sagt Finnberg.

Das AELF Uffenheim hat rund 120 Eigentümer in seinem Zuständigkeitsbereich, deren Wälder ganz oder teilweise in der Bekämpfungskulisse liegen, angeschrieben. Bis zum 1. April haben diese Zeit, sich mittels vorgefertigter Formulare für die Bekämpfung des Schwammspinners anzumelden. Unternehmen sie nichts, wird ihr Wald nicht mit Mimic besprüht. Die Anmeldungen laufen beim LWF zusammen, dessen ursprünglich angenommene Bekämpfungskulisse für dieses Jahr nach Aussage von Ralf Petercord rund 3500 Flurstücke mit einer Gesamtfläche von etwa 4000 Hektar umfasste. Der Schwerpunkt liege auf dem Raum Schweinfurt und Uffenheim, aber auch weitere Teile Mittelfrankens, des nördlichen Schwabens und Oberfrankens gehörten dazu. Wie viel von dieser Bruttofläche am Ende tatsächlich beflogen werde, hänge nicht nur von der Bereitschaft der Besitzer ab. Aus natur- und pflanzenschutzrechtlichen Gründen würden etliche Gebiete auch dieses Mal noch herausgenommen, und das sei "auch richtig so", erklärt Petercord. Auch könne es sein, dass angemeldete Flächen kurzfristig wieder aus der Kulisse gestrichen würden – sei es, weil die Eigentümer es sich anders überlegen oder weil die LWF verlässliche Hinweise auf eine hohe Mortalität in den von ihr ständig beobachteten Eigelegen erhält und die entsprechenden Waldflächen bezüglich der Schwammspinner-Population unter die Bekämpfungsschwelle fallen. In diesem Fall ginge die LWF natürlich "ein gewisses Risiko" bezüglich ihrer Verantwortung gegenüber den Waldbesitzern, sagt Petercord. Umgekehrt könnten Flächen, die nicht bis zum 1. April gemeldet werden, unter keinen Umständen in die Befliegung aufgenommen werden.

Langes Brüten im Ministerium

Gegen die Allgemeinverfügung des Landwirtschaftsministeriums, wonach die Waldbesitzer ihre Flächen zur Bekämpfung anmelden müssen, hat Petercord nichts einzuwenden. In einem freien Land solle jeder für sein Eigentum verantwortlich sein, im vergangenen Jahr habe man die Waldbesitzer vielleicht doch "etwas bevormundet". Eine stringente Anordnung und Umsetzung der Spritzung aus der Luft gebe das Europäische Recht schon seit 2012 nicht mehr her. Allenfalls die Entscheidungsfindung im Landwirtschaftsministerium hat für Petercords Geschmack etwas zu lange gedauert, erst im Januar sei klar gewesen, wie das Ganze gehandhabt werden soll.

Dr. Ludwig Albrecht, Behördenleiter und Bereichsleiter Forsten am AELF in Uffenheim, informierte die Waldbesitzer in seinem Schreiben über die aktuelle Situation und das Angebot der Schädlingsbekämpfung durch den Einsatz von Mimic mittels Hubschrauber. Durch den festgestellten Schädlingsbefall bestehe aus forstfachlicher Sicht für die betroffenen Eichenbestände "ein nicht unerhebliches Risiko, das durch eine Bekämpfung vermieden werden kann". Ziel der geplanten Maßnahmen sei es, "Eichenbestände mit kritischen Dichten vor komplettem Fraß zu bewahren und lokal hohe Dichten der Schwammspinnerpopulation abzusenken". Hierbei stehe die Erhaltung der Eichenwälder im Vordergrund, nicht zuletzt auch als "naturnahe Lebensräume mit hoher naturschutzfachlicher Bedeutung". Die zentral organisierte Bekämpfung werde von der LWF übernommen. "Die Sachleistung hierfür wird auf Ihrer Fläche im öffentlichen Interesse von der Bayerischen Forstverwaltung übernommen werden", schrieb Albrecht den Waldbesitzern.

An der Frage nach Sinn und Unsinn der Bekämpfung scheiden sich die Geister – 2018 wie 2019. Während Petercord betont, "Mimic ist kein Gift, sondern ein Pflanzenschutzmittel", welches vom Bundesamt für Risikobewertung zugelassen sei und schonend und selektiv wirke, beurteilt Finnberg den Mimic-Einsatz unverändert kritisch. Er sieht eher den Lebensraum Eichenwald als solchen durch Mimic, denn die Bäume von Raupen bedroht. Die Stadt hatte ihre betroffenen Waldgebiete deshalb schon 2018 aus der Bekämpfungskulisse entfernen lassen. Ebenso verfuhren Waldbesitzer in Rüdisbronn und die Ickelheimer Rechtler mit einem Teil ihres Waldes.  

GÜNTER BLANK

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