Mittwoch, 20.11.2019

|

Petition gegen Krankenhaussterben vor bundesweitem Erfolg

ANregiomed: Entwicklung mit ungewissem Ausgang für kleinere Standorte - 08.10.2019 09:14 Uhr

Über die Zukunft des Krankenhauses in Rothenburg wird derzeit viel diskutiert. Foto: Dieter Balb © Foto: diba


Derweil wird vor Ort die öffentliche Diskussion um den ANregiomed-Krankenhausverbund im Landkreis Ansbach von der Frage beherrscht, was genau unter einem Gesundheitszentrum zu verstehen ist. Die Rothenburger wie auch die Dinkelsbühler Klinik soll darin die Zukunft sehen.

Es kommt von allen Seiten knüppeldick mit Forderungen zu einer stärkeren Konzentration im Kranken-hauswesen, viel zitiert wird dabei eine Bertelsmann-Studie, nach der Experten von 1400 Krankenhäusern bundesweit über die Hälfte am liebsten schließen würden. Hinzu kommen Forderungen wie beispielsweise der Kassenärztlichen Bundes-Vereinigung, die intersektorale Gesundheitszentren (IGZ) zur Transformation kleiner ländlicher Krankenhausstandorte fordert, um regionale Strukturen erhalten zu können.

Aber auch unter der Ärzteschaft gibt es teils widerstreitende Standpunkte. "Mensch vor Profit" forderten 215 Ärzte mit einer Erklärung gegen das Diktat der Ökonomie in den Krankenhäusern, die außerdem von etlichen Organisationen, Ärztekammern und Vereinen unterzeichnet wurde.

Druck auf Kassen wird immer größer

Auch wenn sich ANregiomed mit den Verbundkrankenhäusern in kommunaler Trägerschaft befindet, so täuscht dies über politische Einflussmöglichkeiten leicht hinweg. Krankenhaus-Verwaltungsratsmitglied Walter Hartl sieht seine Mitwirkung in der Sache begrenzt, denn "die wirklichen Entscheidungen fallen bereits auf Bundes- und Landesebene" sagt der Oberbürgermeister. Dabei werde der Druck durch die Kassen und andere Interessenvertreter immer größer. Natürlich seien Reformen im Gesundheits- und Krankenhauswesen notwendig, es gehe aber um Maß und Ziel.

Vor einem Monat hatte ANregiomed-Vorstand Dr. Gerhard M. Sontheimer in einem Interview von einem "integrierten Gesundheitszentrum" als denkbare Zukunft für die Krankenhäuser Rothenburg und Dinkelsbühl gesprochen, was zu besorgten Reaktionen führte. "So kann sich auch der Einstieg in den Ausstieg anhören und aus einem Krankenhaus mit fünf Fachabteilungen eine Großpraxis mit Betten werden", befürchtet etwa der Rothenburger Arzt Jan Overmans.

Das war nur eine zahlreicher kritischer Stimmen, zumal sich konkrete Sorgen um die Zukunft des "Rothenburger Aushängeschildes Kardiologie" und um die Geburtshilfe drehen. Trotz deren rund 600 Entbindungen jährlich. "Die Vakanzen in der Kardiologie Rothenburg sind mit der Einstellung zweier neuer Oberärzte ausgeglichen", heißt es jetzt auf Anfrage. Auch das Personalproblem bei den Hebammen habe man aktuell im Griff: Um nicht mehr vollständig von externen Beleghebammen abhängig zu sein, seien mit mehreren Hebammen und einer Kreißsaalhilfe Anstellungsverträge geschlossen worden.

Inzwischen rudert der Vorstand zurück und betont, das angesprochene Gesundheitszentrum habe überhaupt nichts mit dem IGZ zu tun, wie es die Kassen fordern. Es gebe eben verschiedene Interpretationen, heißt es, und Sontheimer spricht vom Trend zu mehr "intersektoraler Vernetzung". In Gesundheitszentren nach seinem Verständnis finde "ambulante, aber auch stationäre Versorgung durch mehrere zusammengeschlossene Partner statt. Wie umfangreich diese Angebote sind, ist individuell für jeden Standort festzulegen." Dr. Sontheimer hebt hervor: "Aus unserer Sicht ist der Klinikstandort Rothenburg aus dem Konzept der medizinischen Versorgung nicht wegzudenken."

Kürzung bei Bettenzahl

Davon freilich gehen auch die beteiligten Kommunalpolitiker und der Verwaltungsrat aus, sind aber wachsam und verweisen auf das Entscheidende Wie: Bleiben die vorhandenen Fachabteilungen oder wo wird letztlich doch gestrichen und konzentriert? Beschwichtigende Erklärungen und Fakten müssten übereinstimmen. Entsprechend aufmerksam werden Veränderungen registriert. So der angepasste bayerische Krankenhausbedarfsplan, nach dem seit 1. August alle Kliniken im Verbund weniger Betten haben.

Ansbach wurde von 400 Betten um zehn Prozent auf 360, Rothenburg um gut acht Prozent von 180 auf 165 Betten und Dinkelsbühl um fast 15 Prozent von 170 auf 145 Betten reduziert. Das mag noch nachvollziehbar mit teils zu niedrigen Auslastungszahlen und der immer kürzeren Verweildauer zusammenhängen. In Rothenburg aber fehlt neuerdings die Elektrophysiologie, außerdem steht das bisherige bewährte Küchenkonzept infrage. Welche Änderungen sich für die vielgepriesene mediterrane Küche unter Chefkoch Gerhard Wüchner ergeben, bleibt abzuwarten.

Es müsse "einfach alles auf den Prüfstand" stellt Pressesprecher Rainer Seeger fest. Ob der Klinikausstieg aus dem Notarztdienst oder Veränderungen in der 24-Stunden-Bereitschaft der Kardiologie, all dies kann sich schnell summieren und das Gesamtangebot schmälern. Hinzu kommt die grundlegende Schwierigkeit, neues Fachpersonal zu finden.

Wirtschaftlich gesehen ist bis heute das Schwerpunktkrankenhaus der Versorgungsstufe II in Ansbach das Sorgenkind. Dort wird erheblich investiert. Auf bereits verbaute 70 Millionen sollen in den kommenden vier Jahren weitere 100 Millionen Euro folgen. Aus seiner Sicht, so kürzlich ein zuständiger Ansbacher Chefarzt bei einem Rundgang, sei es Luxus, dass es auch noch in Rothenburg und Neuendettelsau ein Herzkatheter-Labor gibt.

Petition steuert auf 50.000 Unterschriften zu

Während sich Vorstand Dr. Sontheimer mit neuen Interpretationen um Schadensbegrenzung zum Begriff des Gesundheitszentrums bemüht, hält der Landtagsabgeordnete und bayerische Patienten- und Pflegebeauftragte Dr. Peter Bauer (Freie Wähler) die Kassenidee vom IGZ sogar für sinvoll, betont aber, es sei trotzdem ein medizinischer Schwerpunkt nötig.

Fest steht, dass die aktuelle Debatte mehr Fragen aufwirft als beantwortet, dabei hängt Grundlegendes mit der bundes- und landespolitischen Entwicklung zusammen. Die Petition steuert derweil zügig auf die notwendigen 50.000 Unterschriften zu, um damit beim Petitionsausschuss des Bundestages Gehör zu finden. Es wäre ein großer Erfolg für die Initiative des Klinik-Fördervereins Mediroth aus Rothenburg. Aber noch fehlen rund 8000 Unterschriften. Jedoch hat im bereits spürbaren Kommunalwahlkampf das Klinikthema Priorität.

Noch in diesem Jahr sind einige Entscheidungen zur Neuausrichtung des Verbundklinikums zu erwarten. Das ANregiomed-Defizit im Jahr 2019 ist auf 9,2 Millionen veranschlagt. Nur die Rothenburger Klinik hatte es über Jahrzehnte noch bis vergangenes Jahr fertiggebracht, schwarze Zahlen zu schreiben. Und hat seltsamerweise bewiesen, dass klein nicht immer unwirtschaftlich heißen muss.

DIETER BALB

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Rothenburg