Sonntag, 08.12.2019

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Ein Plausch mit Herbert Grönemeyer

Der neue Wünschewagen Franken war seit April bereits zwölf Mal im Einsatz. - 15.07.2019 17:53 Uhr

Der Wünschewagen Franken ist seit April 2019 unterwegs und für den Bereich Nordbayern zuständig. © Foto: Hannibal


Meyerhöfer-Klee ist Freiwilligenkoordinatorin und für das Projekt Wünschewagen in Bad Windsheim zuständig – beides ehrenamtlich. Ihre Aufgabe ist es, "zu gucken, was ist das für eine Fahrt und welche Wunscherfüller brauche ich dafür". Begleitet wird die Fahrt nämlich von zwei ehrenamtlichen Personen mit medizinischem Hintergrund, etwa Pfleger oder Rettungssanitätern. Für den Fahrgast und eine Begleitung ist die Fahrt kostenlos, sie finanziert sich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen.

Der jüngste Fahrgast des Wünschewagens Franken, der für ganz Nordbayern zuständig ist, war der neun Monate alte Leo, der schwer behindert auf die Welt kam, eine maximale Lebenserwartung von sechs Jahren hat und bis dato noch nie zu Hause bei seinen Eltern in der Oberpfalz war. Die Ärzte der Kinderklinik stimmten dem Wunsch der Eltern aus medizinischen Gründen nicht zu, doch der ASB setzte sich über deren Rat hinweg. "An diesem Tag ging es ihm gut", sagt Meyerhöfer-Klee – sogar so gut, dass die Ärzte dem Jungen an Ostern einen weiteren Tag zu Hause ermöglichten. Der bundesweit älteste war ein 102-Jähriger, der am Rhein einen Schoppen Wein trinken wollte.

Nicht zum Sterben in die Schweiz

Einen Wunsch beantragen können etwa Angehörige oder Pfleger. Danach nimmt Bianca Meyerhöfer-Klee Kontakt zum Patienten auf. "Ab dann sprechen wir aber von Fahrgast, nicht mehr von Patienten." Im persönlichen Gespräch versucht Meyerhöfer-Klee herauszufinden, ob es sich überhaupt um einen "echten Wunsch" handelt. Wenn einer zum Sterben in die Schweiz wolle, lehne der ASB ab, sagt sie. "Wir sind kein Reiseunternehmen."

Auch komme es vor, dass Angehörige dem potenziellen Fahrgast einen Wunsch einreden, dieser aber einfach in Frieden gelassen werden will. Das einzige Ausschlusskriterium seien ansteckende Erkrankungen. Wie der Fahrgast zum Wünschewagen transportiert wird, ob Infusionen oder Sauerstoff notwendig sind und ob er im Notfall reanimiert werden soll oder nicht, sind nur einige der vielen Fragen, die Meyerhöfer-Klee anschließend zu klären hat.

Meist sei der Fahrgast aufgeregt, aber in freudiger Erwartung. Bei manchem käme die Freude erst während der Fahrt, sagt Meyerhöfer-Klee. So wollte ein Mann aus Hamburg ein letztes Mal an den Hafen fahren, wo er einst gearbeitet hatte. "Aber er war nur biestig", erzählt sie. Doch je näher die Gruppe an den Hafen kam, desto "gelöster" wurde der Mann.

Manche blühen richtig auf, wie eine Frau, die monatelang nicht mehr gelaufen war. Um einen Elefanten zu streicheln, stand sie jedoch aus ihrem Rollstuhl auf und ging die letzten Schritte zu Fuß. "Da werden enorme Kräfte freigesetzt", sagt die Projektkoordinatorin, es sei aber nicht selten, dass die Leute wenige Tage nach der Fahrt sterben.

Der bundesweit häufigste Wunsch sei, noch einmal ans Meer zu fahren, doch gebe es auch außergewöhnlichere Wünsche zu bearbeiten. Ein Mann wollte zur Premiere des Kinofilms "25 km/h" mit vorherigem Treffen des Hauptdarsteller Bjarne Mädel. Den Promi habe er zwar getroffen, für den Film "hat die Energie nicht mehr gereicht." Ein anderer wollte den Sänger Herbert Grönemeyer kennenlernen, der sich ebenfalls bereit erklärte, den Fahrgast zum empfangen – allerdings bei Grönemeyer zu Hause und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

"Das sind Stunden, wo es nicht ums Sterben geht, um den Klinikalltag", sagt Meyerhöfer-Klee, deshalb gehe es bei den Fahrten auch selten traurig zu. "Es geht um einen schönen Moment." Nichtsdestotrotz hat Bianca Meyerhöfer-Klee die Ausbildung zur Notfallseelsorgerin gemacht, um die beiden Wunscherfüller nach der Fahrt "abholen" zu können. Denn auch für diese könnte die Fahrt emotional belastend sein. Sie erzählt von einer Frau, die zur Beerdigung ihrer Schwester gefahren werden wollte. "Die Trauergemeinde hat aber zwei Verabschiedungen vorgenommen", zumindest hätten es die Wunscherfüller so empfunden.

Bundesweit 21 Wagen

Der Wünschewagen Franken – einer von deutschlandweit 21 – fährt seit April 2019 und hat bislang zwölf Wünsche erfüllt. Zweimal sei der Fahrgast vorher gestorben, obwohl vom Antrag bis zur Erfüllung im Schnitt nur fünf Tage vergehen. Manchmal sei der Wunsch auch an einen Termin gebunden, im August möchte jemand das Heavy-Metal-Festival Wacken besuchen – um Stunden zu erleben, die sich nicht um den Tod drehen.

NICO CHRISTGAU

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