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Auf und Ab in 100 Jahren SPD Bad Windsheim

Ulrich Herz Ulrich Herz blickte als Historiker auf die Geschichte des Ortsvereins - 27.11.2018 22:54 Uhr

UIrich Herz bei seinem Festvortrag zum 100. Geburtstag der Bad Windsheimer SPD. © Foto: Gerhard Krämer


Ortsvereinsvorsitzender Siegfried Göttfert erinnerte in seinem Grußwort nicht nur an den 100. Geburtstag des SPD-Ortsvereins, sondern auch an 100 Jahre Freistaat Bayern und 100 Jahre Frauenwahlrecht. Die von Ulrich Herz verfasste Chronik sei nicht nur die des Ortsvereins, sondern spiegele auch die Geschichte der Stadt und der Republik wider.

Mit Blick auf die zurückliegenden 100 Jahre zeigte sich SPD-Kreisvorsitzender Markus Simon schon etwas enttäuscht, dass heute die Sozialdemokratie infrage gestellt werde. Denn es sei die SPD gewesen, die den Nationalsozialisten die Stirn geboten, die für soziale Gerechtigkeit gekämpft hätte. "Die Sozialdemokratie ist nicht am Ende", ist sich Simon sicher. Denn überall brauche es sozialdemokratische Antworten. Als Geschenk hatte Simon einen extra angefertigten Jubiläumsteller für den Ortsverein dabei, den er Göttfert bei der Feierstunde, die das Trio Espressivo mit Dr. Wolfgang Stadler (Cello), Alida Bauer (Violine) und Gebhard Bauer (Piano) musikalisch bereicherte, übergab.

Bad Windsheims Bürgermeister Bernhard Kisch, dem Matthias Oberth beim Berliner Marathonlauf nach eigenen Worten "aus Respekt vor dem Amt" den Vortritt gelassen hatte, lobte den Ortsverein. "Die SPD prägte die Stadtentwicklung mit", betonte Kisch. Er dankte für den "bereichernden, manchmal herausfordernden Diskussionsstil". Wohl, damit es auch so weitergeht, gab es zur Stärkung einen Therme-Gutschein.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Bezirksvorsitzende Carsten Träger, der zusammen mit dem Kandidaten für die Europawahl, Matthias Dornhuber, gekommen war, würdigte seine Partei als "Verteidigerin der Demokratie". Diese habe sich niemals neu gründen oder ihren Namen wechseln müssen. Es herrschten heute keine Weimarer Verhältnisse, aber "es gilt wachsam zu sein und sich denen, die alte Parolen brüllen, entgegenzustellen".

"Die SPD wirkt eher wie ein Sorgen geplagter Patient, denn als Geburtstagskind", meinte Ulrich Herz, der aus der Sicht des Historikers die 100-jährige Geschichte des SPD-Ortsvereins betrachtete. Auch in Bad Windsheim kränkele die SPD. Dass diese nach der nächsten Wahl den Ersten Bürgermeister stelle, sei so wahrscheinlich, wie dass der Club im nächsten Jahr Deutscher Meister werde, attestierte er nüchtern. Und fügte hinzu, dass er das Wort Champions-League-Sieger nicht habe sagen wollen. Doch er machte, besitzt Herz doch profunde Kenntnisse der Geschichte des Ortsvereins, auch Mut. Denn die SPD besitze Nehmerqualitäten. "Die SPD tritt stolz und mutig auf", sagte er und erinnerte daran, dass sie geschlossen gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt hätte. So gehörten der SPD Sternstunden der Demokratie. Ohne deren Visionäre gäbe es nicht die neue deutsche Ostpolitik. "Zieht die richtigen Lehren aus Eurer Geschichte", lautete sein Geburtstagswunsch.

Über Rückert und Frank

Dann spann er rote Fäden, die sich durch die über 140-seitige Chronik ziehen. Herz berichtete von Arbeiterorganisationen vor der Bildung der Ortsgruppe und deren ersten zaghaften Gehversuchen, dem Erfolg bei den Stadtratswahlen 1919, den Beachtung findenden Aktionen gegen die Nationalsozialisten, von Valentin Rückert, dessen Namen keinem im Saal ein Begriff war, der aber wohl unter Zwang auf sein Stadtratsmandat verzichtete und der die SPD in Bad Windsheim von 1919 bis 1933 geprägt hatte, vom Neuanfang nach 1945 und von Jobst Frank, der 1947 Zweiter Bürgermeister wurde.

Weiter beschrieb Herz den steinigen Weg zur Volkspartei, denn 1952 gab es selbst verschuldet nur zwölf Prozent bei der Stadtratswahl, der absolute Tiefpunkt. Doch es ging aufwärts und 1979 begann die Ära Otmar Schaller, mit dem die SPD erstmals den Ersten Bürgermeister stellte. Dies sollte 2008 mit Ralf Ledertheil nochmals gelingen, bevor es später dann zur "Entfremdung zwischen ihm und dem Ortsverein und der Ratsfraktion" kam, wie es in der Chronik heißt. Das Ergebnis dürfte noch präsent sein, die SPD erfuhr ihren zweiten Tiefpunkt, als sowohl Ledertheil wie auch die statt seiner von der SPD nominierte Ismene Dingfelder bei der Bürgermeisterwahl 2014 scheiterten.

Herz räumt auch der Statistik Platz in der Chronik ein. Waren es zum Beispiel 1969 110 Mitglieder, so sind es, Stand Juni 2018, 49. Damit liegt die Bad Windsheimer SPD durchaus im Bundestrend, ebenso bei der Altersstruktur, die durchschnittlich 62,7 Jahre beträgt, im Bund etwa 60 Jahre.

Den Herausforderungen stellen

Schafkopfturniere, Sommerfeste oder politische Aschermittwoche seien immer gut gelaufen. Defizite sieht Herz aus Sicht des Historikers heute in der Öffentlichkeits- und Jugendarbeit. "Der Vorstand sollte sich durchaus den Herausforderungen der Gegenwart stellen", schlussfolgerte Herz aus seinem Wissen über den Ortsverein, denn die Geschichte habe gezeigt, dass es geht. "Man kann wieder aufstehen, wenn man am Boden liegt", erinnerte er an 1952. Die SPD sei die Partei schlechthin, die sich für demokratische Werte und Interessen der Menschen eingesetzt habe. "Sie hat viel geleistet für die Stadt und die Menschen in der Stadt", sagte Herz.

Nach dem offiziellen Teil der Festveranstaltung blätterten viele gleich die lesenswerte Chronik durch, tauschten sich über frühere Zeiten aus oder standen im gemütlichen Plausch beieinander. Und vielleicht gibt es ja im nächsten Jahr wieder ein Fest, denn da kann die Stadtratsfraktion der Sozialdemokraten ihr Hundertjähriges feiern.

Gerhard Krämer

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