28°

Mittwoch, 24.07.2019

|

Alexis Korner in Bad Windsheim: Ein Konzert und die Folgen

Hartmut Felbingers Freundschaft zu Roberta Korner, der Witwe von Blues-Legende Alexis Korner - 07.01.2019 10:05 Uhr

Live on stage in der alten Stadthalle (von links): Alexis Korner, der Bad Windsheimer Dieter Hofmann und Robert Müller aus Illesheim. © Archiv-Foto: Peter Kick


Hartmut Felbinger mit Roberta „Bobbie“ Korner am Morgen nach dem ersten Memorial Concert, das 1994 im Opera House in Buxton über die Bühne ging. © Foto: Privat


Man schrieb das Jahr 1979, als die drei Jahre zuvor gegründete Unabhängige Jugend Burgbernheim (UJB) beschloss: Nie wieder Faschismus! So war das Konzert betitelt, welches die UJB, im Keller des Herrenkellerhauses beheimatet, auf die Beine stellte. Bis 1980 veranstaltete die UJB etliche Konzerte sowie Festivals in Uffenheim, Ipsheim und Burgbernheim.

Alexis Korner sollte in der Uffenheimer Stadthalle spielen. Doch die war plötzlich doppelt belegt, es gab technische Probleme, die Veranstalter wichen kurzfristig aus: in "die alte Scheune", wie Korner später die Windsheimer Stadthalle bezeichnete. So kam es, dass der bluesselige Abend des Antifaschismus in der 1934 errichteten Sporthalle des einstigen Lagers des Reichsarbeitsdienstes über die Bühne ging – am 90. Geburtstag von Adolf Hitler. Alexis Korner, am Vortag 51 geworden, war zu dem Gastspiel eigens aus England angereist.

Mehr als 400 überwiegend jugendliche Zuhörer wollten den Mann live erleben, der mit Jimi Hendrix den "Hoochie Coochie Man" gespielt hatte, dessen 1962 gegründete Band Alexis Korner’s Blues Incorporated das Sprungbrett zu Weltkarrieren des Blues-Rock bildete. Immer wieder wechselte deren Besetzung. Die späteren Rolling Stones Mick Jagger und Charlie Watts gehörten der Formation ebenso an wie Jack Bruce, Ginger Baker und Eric Clapton, die später Cream gründeten, oder Eric Burdon (The Animals), Van Morrison, Manfred Mann und John McLaughlin. Blues Incorporated war die Keimzelle weltberühmter Bands. Charlie Watts soll über Korner gesagt haben: "Alexis war nicht der beste Sänger oder Musiker, den ich kannte, aber er war ein brillanter Bandleader", ausgestattet mit einem feinen Gehör für Talent sowie der Begabung, unterschiedliche Musiker zusammenzubringen und eine fantastische Band zu kreieren.

So pilgerten sie am 20. April 1979 in die Bad Windsheimer Stadthalle, all die Fans und solche, die es wurden, für zwölf Mark Eintritt. Tanzend, stehend oder auf dem Boden sitzend – die Stühle waren dekorativ hinter dem Flügel auf der Bühne aufeinandergetürmt – ließen sie sich von der Spielfreude Korners anstecken, der sich auf seiner Gitarre begleitete und den einen oder anderen Boogie Woogie auf Ebenholz und Elfenbein hämmerte. Dem Konzert folgte eine ausgedehnte Session. Wer wollte, machte mit.

"Spiritus Rector" (Felbinger) des Ganzen war Dietmar Leberecht. Der hatte seinerzeit den am Rande eines Konzerts in Essen von einem UJB-Mitglied geknüpften Kontakt aufgegriffen und Korner engagiert. Großer Überredungskunst bedurfte es vermutlich nicht, denn wie sagte doch Roberta Korner erst kürzlich zu Felbinger: "Alexi loved Germany", speziell das Publikum. Und: "Er liebte den Frankenwein, besonders den Bocksbeutel", wie Felbinger seine Freundin weiter zitiert.

Felbinger holte Korner mit seinem Ford Fiesta am Nürnberger Flughafen ab. Dorthin gekommen war auch ein in Nürnberg lebender Kumpel des Musikers, der Schlagzeuger Peter Draco. Korner dachte da noch, das Konzert fände in Nürnberg statt, umso erstaunter war er, als Felbinger ihn samt Gitarre ins Auto packte und zum Burgbernheimer Gästehaus Franke chauffierte. Schnell wurde deutlich: Korner war umgänglich, angenehm und frei von Allüren, sagen Leberecht und Felbinger gleichermaßen. Und finanzierbar war das Gastspiel auch: 2000 Mark, Reisekosten inklusive.

Felbinger traf den Musiker später noch zwei Mal: bei einem Gig Korners mit dem Bassisten Colin Hogdkinson in Erlangen und ein letztes Mal 1982 nach einem Konzert in Würzburg, welches Felbinger mit seiner Schwester Michaela besuchte und bei dem Korner den Begriff der "alten Scheune" für die Stadthalle prägte.

Zu Jahresbeginn 1984 starb Korner in London. Felbinger wurde ein knappes halbes Jahr später "vom wilden Affen gebissen", wie er sagt. 27-jährig, "im dritten Lehramtsanwärterjahr und die Arbeitslosigkeit vor Augen" beschloss er, die Familie Korners aufzusuchen, um Fotos von dessen Aufenthalt im Fränkischen zu überbringen. Die Adresse erbat er von Peter Draco, doch der nannte nur grobe Zielkoordinaten und die Region, in der Roberta Korner lebt: Wales, nahe der englischen Grenze, bei Knighton.

Das musste reichen: Um Pfingsten 1984 packte Felbinger seine kleine Reisetasche samt den Fotos und trampte nach Calais. Mit der Fähre ging es nach Dover, dann begann das große Durchfragen. Felbinger traf eine Engländerin, die eine Freundin von Roberta kannte, welche ihm wiederum deren Adresse gab und ihr den Besucher telefonisch ankündigte. Weiter ging die Fahrt, zuletzt in einem Bummelzug, dessen Personal den blondgelockten Fahrgast bei einem plötzlichen Halt "mitten in der Pampa" mit einem freundlichen "Good luck" in die Abenddämmerung entließ. Der marschierte los, was blieb ihm übrig.

Länger als eine halbe Stunde war Felbinger schon unterwegs, die Nacht war hereingebrochen, als plötzlich ein Mann mit einem Gewehr aus dem Dunkeln vor ihm auftauchte. Bauer Hunter war es, und der erwies sich als äußerst zuvorkommend. Kaum hatte Felbinger ihm sein Anliegen erklärt, rief Hunter im Hause Korner an, und schon fand sich der eben noch erschrockene Reisende in einer Art Schafwagen wieder, in dem ihn der Waliser zu Roberta Korner transportierte.

"Wunderbare Freundschaft"

Da stand er nun, mitten in der Nacht, vor der Wohnkapelle. Doch der Empfang war überaus herzlich, und noch in jener Nacht unterhielt sich der Gast stundenlang vor allem mit Robertas Vater, ehe er kurzen Schlaf in einem Gartenhaus fand. Bereits am nächsten Tag machte sich Felbinger wieder auf die Heimreise – für dieses Mal. Weil der Vater ohnehin zum Zahnarzt musste, nahm Roberta Korner ihn in ihrem Auto mit nach Knighton. "Wenige intensive Stunden" verlebte Felbinger damals mit der Familie, und doch waren diese der "Beginn einer wunderbaren Freundschaft". Sieben bis acht Mal hat Felbinger "Bobbie" Korner seither besucht, zudem pflegen die beiden einen regelmäßigem Kontakt.

Unvergessliche Erlebnisse sind für Hartmut Felbinger die Alexis Korner Memorial Concerts in den Jahren 1994 und 1995, zu denen Roberta Korner ihn eingeladen hatte. Beide Male gaben sich herausragende musikalische Weggefährten von Korner ein Stelldichein im Opera House in Buxton in Mittelengland.

Roberta und Hartmut pflegen ihre Freundschaft weiter. "Sie ist sehr offen und lebensklug – eine Frau, die viel erzählen kann", beschreibt der 62-Jährige die 87-Jährige von der Insel. "Sie ist eine toughe Frau, keine larmoyante, wehmütige." Dass sie in einer Kapelle wohnt, habe im Übrigen "nichts mit Glauben zu tun". Was freilich nicht verwundert hätte – bei der Witwe des Godfather of British Blues. 

GÜNTER BLANK

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Bad Windsheim, Burgbernheim