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Auf den Spuren des Ur-Ur-Großvaters: Amerikanisches Ehepaar landet in Regensburg

Eine Bibel aus dem Jahr 1736 gibt den entscheidenden Hinweis - 19.08.2019 22:11 Uhr

Ein amerikanisches Ehepaar aus Seattle macht sich auf die Suche nach einem Vorfahren. Eine Bibel aus dem Jahr 1736 gibt den entscheidenden Hinweis und führt das Paar nach Regensburg, wo der Ur-Ur-Großvater des Mannes als Pfarrer tätig war. © Martina Groh-Schad, NNZ


Im Wohnhaus der Familie Krafft in Seattle in den USA liegt auf einem kleinen hölzernen Beistelltisch eine alte Bibel. Niemand im Haus kann sie lesen, denn sie ist auf Deutsch. "Trotzdem ist das Buch für mich und meinen Mann sehr wichtig", erklärt Kate Krafft. Es ist ein dicker Wälzer aus dem Jahr 1736, 13 Kilogramm schwer, der von Generation zu Generation weiter vererbt wurde. Aktuell ist das amerikanische Ehepaar in Deutschland unterwegs. Kate und Chapin Krafft sind historisch sehr interessiert und schenkten sich gegenseitig zum 70. Geburtstag die Recherche-Reise, etwa 8500 Kilometer von zu Hause entfernt, um auf die Suche nach dem früheren Besitzer der Bibel zu gehen.

"Es ist der Ur-Ur-Großvater meines Mannes", berichtet Kate Krafft und zeigt auf dem Handy Fotos der Bibel. Wie sie herausgefunden haben, hieß er Karl Theodor Krafft und war Pfarrer in Regensburg. Geboren wurde der Theologe im fränkischen Dinkelsbühl. Dort starteten Kate und Chapin Krafft ihre Suche und wandten sich an das Museum der Stadt. "Wir erfuhren, dass er nach Regensburg gegangen ist", erzählt Kate Krafft, die auch beruflich als Historikerin tätig ist. Im evangelischen Dekanat machte sich die Archivarin Christine Gottfriedsen auf Spurensuche nach dem ehemaligen Pfarrer. "Er war ein sehr aktiver und vielseitiger Mensch, so dass sich einiges über ihn finden ließ", berichtet sie. Im Dekanat werden viele alte Urkunden und Schriftverkehr aufbewahrt. Gottfriedsen ging ans Werk und wurde fündig.

Der 1804 geborene Krafft trat 1846 in Regensburg eine Pfarrstelle in der Dreieinigkeitskirche an und war später in der Neupfarrkirche tätig. 1877 wurde ihm durch die Stadt Regensburg die Ehrenbürgerschaft verliehen. Er kümmerte sich um das Waisenhaus in der Stadt, war als Lehrer an der "von Müllerschen Mädchenschule" tätig, spielte Klavier und beteiligte sich am kritischen Diskurs rund um die künftige Ausrichtung der Kirche. Das amerikanische Ehepaar saugt interessiert alle Informationen ein. Auch im Online-Lexikon Wikipedia findet sich ein Artikel über den Geistlichen. "Hier habe ich allerdings einen Fehler entdeckt", berichtet Gottfriedsen. Irrtümlich wird Krafft hier als Gründer der Mädchenschule benannt. "Er war aber ausschließlich als Lehrer dort tätig."

Als Kate und Chapin Krafft im Dekanat Regensburg eintreffen, zeigen sie Christine Gottfriedsen die Fotografie eines Gemäldes. Es zeigt ein Haus. "Wissen Sie, wo das ist?", wollen sie von der Archivarin wissen. Das Bild hängt im Original beim Bruder von Chapin im Haus in den USA. Christine Gottfriedsen muss nur einen kurzen Blick auf das Bild werfen und schmunzelt dabei. "Wir sind gerade in diesem Haus", sagt sie.

Eine Bibel aus dem Jahr 1736 gibt den entscheidenden Hinweis und führt das Paar nach Regensburg, wo der Ur-Ur-Großvater des Mannes als Pfarrer tätig war. © Martina Groh-Schad, epd


Die Überraschung bei dem amerikanischen Ehepaar ist groß, denn in der Familie hieß es, das Haus sei in Dinkelsbühl. Doch es ist das Gebäude, in dem Pfarrer Krafft als Geistlicher der Neupfarrkirche mit seiner Familie lebte. Einer seiner Söhne, Hans Adalbert, wurde ebenfalls Pfarrer und emigrierte 1873 in die USA. Vermutlich bekam er nach dem Tod des Vaters in Regensburg die Bibel übersandt und so kam das Buch nach Amerika. Für das Ehepaar Krafft hat Gottfriedsen mehrere dicke Bücher mit alten Unterlagen aus dem Archiv des Dekanats geholt.

So können sie Einblick nehmen in die Ernennungsurkunde zum Pfarrer der Neupfarrkirche und sie hören, dass Pfarrer Krafft einst getadelt wurde, weil er ohne Absprache Urlaub nahm. Außerdem gibt es Artikel über sein Leben in den Veröffentlichungen des Historischen Vereins für die Oberpfalz und Regensburg. Bei einem Rundgang durch das Dekanatsgebäude in der Pfarrgasse in Regensburg und in der Kirche am Neupfarrplatz empfinden sie das Leben ihres Vorfahren nach. Die Motivation für ihre Reise beruht vorwiegend auf der alten Bibel. "Wir wollen, dass die Bibel nach Deutschland zurückkehrt", erklärt Kate Krafft. "Deshalb sind wir hier und suchen einen Platz für das Buch, wo es mehr gewürdigt wird als bei uns zu Hause." Das Städtische Museum in Dinkelsbühl habe bereits Interesse bekundet. "Bei uns kann die Bibel keiner mehr lesen", sagt sie. Zudem sei es eine besonders schöne alte Bibel. "Sie soll einen guten Platz bekommen." 

epd

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