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Österreich vor Neuwahl: Kurz kündigt Koalition mit FPÖ auf

Kanzler zieht Konsequenzen aus Skandal-Video: "Genug ist genug" - 18.05.2019 20:44 Uhr

Sebastian Kurz, Bundeskanzler von Österreich, hat die Koalition seiner ÖVP mit der FPÖ aufgekündigt. © Roland Schlager, dpa


Eine Woche vor der Europawahl ist die rechtskonservative Regierung in Österreich zerbrochen. Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) kündigte die Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ auf. Er habe Bundespräsident Alexander Van der Bellen vorgeschlagen, "vorgezogene Wahlen in Österreich durchzuführen – und zwar zum schnellstmöglichen Zeitpunkt", sagte Kurz am Samstag in Wien. Noch am Abend wurde eine Erklärung Van der Bellens erwartet.

Auslöser der Regierungskrise ist ein Video, das zeigt, wie FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache einer vermeintlichen russischen Oligarchin 2017 auf Ibiza öffentliche Aufträge in Aussicht gestellt hatte, wenn sie der rechtspopulistischen FPÖ zum Wahlerfolg verhelfe. Strache trat am Samstag als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück.

Sebastian Kurz: "Genug ist genug"

Doch Kurz reicht dies nicht. "Genug ist genug", sagte der Regierungschef. Die FPÖ schade dem Reformprojekt seiner Regierung. "Sie schadet auch dem Ansehen unseres Landes." In den Gesprächen, die er mit der FPÖ geführt habe, habe er nicht den Eindruck gewonnen, dass die Partei zu grundlegenden Veränderungen bereit sei. "Das wäre (...) mehr als nur notwendig."

Er könne nun versuchen, die Macht aufrecht zu erhalten, indem er Köpfe austausche. Er könne einen "fliegenden Wechsel zur Sozialdemokratie" anstreben. "Ich bin davon überzeugt, dass beides nicht das ist, was unser Land braucht", sagte Kurz aber.

Er wolle weiter für Österreich arbeiten - und zwar "mit der Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung". Derzeit fehle es aber an Partnern: "Ich glaube, dass das derzeit mit niemandem möglich ist", so Kurz. Die FPÖ könne dies nicht, die Sozialdemokraten teilten seine inhaltlichen Zugänge nicht.

Strache sieht ein "gezieltes politisches Attentat"

Strache, , hatte sich für sein in dem Video dokumentiertes Verhalten entschuldigt, aber betont, dass es keine illegalen und rechtswidrigen Vorgänge gegeben habe. "Ja, es war dumm, es war unverantwortlich und es war ein Fehler", räumte Strache ein. Zugleich sprach er von einem "gezielten politischen Attentat" und einer "geheimdienstlich inszenierten Lockfalle". Er werde alle medienrechtlichen und strafrechtlichen Mittel dagegen ausschöpfen.

"Es war eine besoffene Geschichte und ich war in einer intimen Atmosphäre verleitet, auch unreflektiert und mit lockerer Zunge über alles und jedes zu polemisieren. Und ja, meine Äußerungen waren nüchtern gesehen katastrophal und ausgesprochen peinlich", sagte Strache.

Scheiterte Fortsetzung an der Personalie Herbert Kickl?

Kurz hatte im Laufe des Tages mehrfach ein erwartetes Statement verschoben. Eine Krisensitzung im Kanzleramt war zeitweise begleitet von lautstarken Protesten mehrerer Tausend Demonstranten, die eine Neuwahl forderten.

Die österreichische Nachrichtenagentur APA hatte berichtet, eine Einigung von ÖVP und FPÖ auf eine Fortsetzung der Koalition sei an einer Personalie gescheitert. Die ÖVP soll von der FPÖ die Absetzung von Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) verlangt haben, um ihr ehemaliges Kernressort wieder selbst zu übernehmen. Die Koalition aus ÖVP und FPÖ regiert seit 2017.

Andrea Nahles attackiert CDU/CSU

In Deutschland riefen die Turbulenzen im Nachbarland heftige Reaktionen hervor. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer sagte, das brisante Video zeige, dass Rechtspopulisten in Europa, egal in welchem Land, bereit seien, das Interesse ihres Landes für ihr eigenes Wohlergehen zu verkaufen. SPD-Chefin Andrea Nahles hielt CDU/CSU im Spiegel vor, seit Monaten am rechten Rand zu lavieren, um dort noch Stimmen einzusammeln.

Das von Spiegel und Süddeutscher Zeitung verbreitete Video aus dem Jahr 2017 zeigt Strache im Gespräch mit einer angeblichen russischen Oligarchin. Dabei geht es unter anderem um die Idee, die Frau solle die auflagenstärkste Zeitung Österreichs, die Kronen Zeitung, erwerben, die FPÖ publizistisch fördern und im Gegenzug öffentliche Aufträge erhalten.

 

dpa

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