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Netflix-Konkurrenz: Wie attraktiv wird der neue Streaming-Dienst Joyn?

Plattform von ProSiebenSat.1 umfasst 50 Sender und eigenproduzierte Serien - 17.06.2019 16:20 Uhr

Mit der Serie "jerks." von und mit Christian Ulmen (rechts) hat die neue Streaming-Platform joyn gleich zu Beginn einen echten Kracher im Angebot.


Einen "deutschen Streaming-Champion" kündigte der damals gerade erst angetretene ProSiebenSat.1-Vorstandschef Max Conze im Juni 2018 an. Der Boss des Unterföhringer Medienkonzerns gab damals die Pläne bekannt, zusammen mit der Discovery-Gruppe aus den USA eine deutsche Plattform bauen zu wollen, die neue Maßstäbe im Unterhaltungsbereich setzen soll – und dem Vormarsch von Diensten wie Netflix Einhalt gebieten soll. Am 18. Juni startet die angekündigte Plattform nun unter dem Namen Joyn durch. Nordbayern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zum ambitionierten Projekt.

Welche Ziele steckt ProSiebenSat.1 für Joyn?

Langfristig will ProSiebenSat.1 mit seiner Plattform einen ernstzunehmenden Gegenspieler für Dienste wie Amazon Prime Video und Netflix schaffen, die gerade bei jungen Nutzern besonders populär sind und dem klassischen Fernsehen seit Jahren das Wasser abgraben. Doch auch konkrete Zahlen nennt ProSiebenSat.1: in zwei Jahren soll Joyn schon zehn Millionen Zuschauer erreichen und den Rückgang der Werbeerlöse im traditionellen Fernsehen ausgleichen.

Joyn kommt zu einer Zeit radikalen Umbruchs bei ProSiebenSat.1. Trotz sinkender Umsätze und einem Wertverfall der Aktien (40 Prozent binnen Jahresfrist) wagt das Unternehmen den mutigen Schritt, mehr denn je in Eigenproduktionen zu investieren, mit denen auch Joyn nachhaltig bespielt werden kann. Die Dividende der Aktionäre wird im Vergleich zum Vorjahr fast halbiert, um die Investitionen zu stemmen. Allein in diesem Jahr kostet der Launch der Plattform 50 Millionen Euro, während 120 Millionen Euro aufgewendet werden, um neue Inhalte zu produzieren.

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Wie gut stehen die Chancen, diese Ziele zu erreichen?

Knapp 250 Mitarbeiter werkeln schon seit Monaten an der Plattform, die das wichtigste Zukunftsprojekt des Medienkonzerns werden soll. In den vergangenen Wochen durften bereits mehrere tausend Testnutzer das Angebot in Augenschein nehmen, das mit 50 Sendern rund zwei Drittel des gesamten deutschen Fernsehangebots abdeckt. Zum Angebot zählen die ProSiebenSat.1-Sender, zu denen neben ProSieben und Sat.1 auch kabel eins oder ProSieben Maxx zählen, Das Erste, das ZDF, Sender des US-Konzerns Discovery (z.B. Eurosport oder DMAX), Welt von Axel Springer oder Sport 1. In elf Mediatheken finden sich außerdem die TV-Archive genannter Sender.

Gerade dieser Reichtum an Live-Inhalten ist etwas, das Netflix und Co. derzeit nicht bieten können und ein Startvorteil von Joyn. Selbstvertrauen bezieht ProSiebenSat.1 außerdem aus der Tatsache, dass das Angebot weitaus mehr deutsche Inhalte bietet als die Streaming-Platzhirsche. Allerdings muss der Dienst trotz intensiver Bemühungen auf Inhalte der im Privatfernsehen marktführenden RTL-Gruppe verzichten, die lieber unter sich bleibt und ihre Plattform TVNow vorantreibt. Obendrein ist fraglich, ob Joyn bei jungen Zuschauern über die bloße Masse an Inhalten überzeugen kann. Gerade das junge, serienaffine Publikum beschränkt sich bei beliebten Streaming-Diensten lieber auf wenige Premium-Inhalte, anstatt sich durch unübersichtliche Mediatheken zu wühlen, die darüber hinaus voll von Formaten sind, mit denen die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen ohnehin nichts mehr zu tun haben wollen.

Welche Original-Inhalte bietet Joyn?

Premiere für Deutschlands neuen Streaming-Dienst: Am 18. Juni 2019 geht mit Joyn die App mit dem größten kostenlosen Free-TV-Angebot in Deutschland an den Start. © joyn


Blickt man auf die ProSiebenSat.1-Sender im klassischen Fernsehen, bemerkt man schnell das Dilemma, in dem sich der Konzern derzeit befindet. Diese werden zu ungemein hohen Anteilen mit internationalen Fremdproduktionen bespielt und senden dabei auch noch sehr viele Wiederholungen. Laut Messungen des Magazins DWDL lag der Anteil von Erstausstrahlungen im Monat Mai bei allen ProSiebenSat.1-Sendern unter 50 Prozent. Ungünstigerweise rechnet sich eine Streaming-Plattform erst dann so richtig, wenn dort genügend Eigenproduktionen angeboten werden können.

Deshalb verschuldet sich Netflix bereits seit Jahren mit Investitionen im Milliardenbereich, die nur ins Programm fließen. Das Kalkül: irgendwann wird es sich schon rechnen, da die Inhalte im Grunde auf ewig auf der Plattform bleiben und geklickt werden können. Auch ProSiebenSat.1 investiert nun massiv in Eigenproduktionen, hätte damit aber schon vor Jahren beginnen sollen. Die erste schwarze Null von Joyn soll laut Conze in vier bis fünf Jahren geschrieben werden. Vorbild ist der US-Dienst Hulu, der einst von den amerikanischen Medienkonzernen ABC, FOX und NBC als Gemeinschaftsprojekt gestartet wurde, aber auch eigene Formate produziert.

Einige Inhalte sollen zunächst exklusiv auf Joyn zu sehen sein, ehe sie im Fernsehen starten. Neben Shows sind derzeit zehn eigenproduzierte Serien geplant. Am heißesten erwartet wird wohl "Check Check" von und mit Klaas Heufer-Umlauf, worin dieser einen Security-Mitarbeiter an einem Provinzflughafen spielt. Ein weiterer Titel heißt "Frau Jordan stellt gleich" mit Katrin Bauerfeind. Mit dem Start des Joint-Venture von ProSiebenSat.1 und Discovery sollen auch eigene Themenkanäle anlaufen. Diese hören beispielsweise auf Namen wie Motor Trend oder Food Network.

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Wie wird Joyn genutzt?

Aus technischer Sicht versucht Joyn auf Anhieb alle Standards zu erfüllen, die gängige Streaming-Apps derzeit haben müssen. Das Angebot ist über Smartphones, Computer und auf dem Fernseher nutzbar. Anders als (noch) bei Netflix, müssen Nutzer dafür Werbung in Kauf nehmen. Dafür lässt sich Joyn allerdings auch kostenlos nutzen und mehr als eine Unterbrechung pro Sendung wird es nicht geben. Zum Start am 18. Juni ist allerdings noch nicht jede technische Frage geklärt. Downloads, um Inhalte auch offline ansehen zu können, sind zum Launch noch nicht möglich.

Außerdem wird Joyn im Dezember um ein zusätzliches, kostenpflichtiges Angebot erweitert werden, das der Plattform neue Möglichkeiten bieten wird. Dort sollen nämlich exklusive Sportinhalte zum Abruf bereitstehen. Discovery hält derzeit beispielsweise noch Rechte aus der Fußball-Bundesliga. In das Bezahlangebot soll auch Maxdome integriert werden. Die Online-Videothek schaffte es in den vergangenen Jahren nicht aus eigener Kraft, Netflix und Co. die Stirn zu bieten. Originalformate wie "jerks." mit Christian Ulmen wandern zu Joyn. Die dritte Staffel der Comedy-Serie wird der erste Original-Inhalt bei Joyn sein. Der ähnliche Aufbau zu den Streaming-Marktführern soll die Nutzung möglichst einfach machen, zusätzlich stehen aber auch 40 Mitarbeiter bereit, die Nutzern bei der Orientierung helfen.

 

Timo Nöthling

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