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Nach Angriff auf Eritreer: Hessischer Ort unter Schock

Nach der Attacke in Wächtersbach gehen die Ermittler auf Spurensuche - 23.07.2019 21:11 Uhr

Alexander Badle, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, bei einer Pressekonferenz, nachdem im hessischen Wächtersbach auf einen 26-jährigen Eritreer geschossen worden war. © Lennart Stock, dpa


Die Fassade eines Firmengebäudes im hessischen Wächtersbach hat an mehreren Stellen kleine Löcher. Einschusslöcher seien das, sagt ein Mitarbeiter des Unternehmens, der noch immer nicht fassen kann, was wenige Meter entfernt geschehen ist: Aus heiterem Himmel und auf offener Straße wird einem 26-jährigen Eritreer in den Bauch geschossen und dieser dadurch schwer verletzt - offenbar eine rassistisch motivierte Tat eines 55-Jährigen. Er habe Schüsse gehört und Hilferufe, sagt der Mitarbeiter. "Das war ein Schock." Nun stehe er hier mit einem mulmigen Gefühl - und ist damit derzeit nicht alleine in und um Wächtersbach.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der mutmaßliche Schütze wohl gezielt nach einem Opfer gesucht und es am Montag dann zufällig in dem 26-Jährigen gefunden hat. Der Mann sei "aufgrund seiner Hautfarbe" ausgewählt worden, sagt ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Dienstag. Der Verdächtige tötete sich nach der Tat mit einem Schuss in den Kopf.

Die Attacke geschieht wenige Wochen nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Die Ermittler gehen in dem Mordfall von einem rechtsextremen Hintergrund aus.

Die Attacke in Wächtersbach sei ein erschütternder Angriff, meint die hessische Linken-Fraktionschefin Janine Wissler. Wenn sich der Verdacht bewahrheite, dass der mutmaßliche Täter aus rassistischen Motiven heraus gehandelt habe, dann wäre dies nach dem Mord an Lübcke der zweite rechtsextreme Mordanschlag in Hessen innerhalb von wenigen Wochen.


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Der Generalstaatsanwaltschaft zufolge gibt es bislang aber "keine belastbaren validen Erkenntnisse, dass Kontakte in die rechtsnationale oder rechtsextreme Szene bestanden". Allerdings stünden die Ermittlungen noch ganz am Anfang. Das Umfeld und die Vergangenheit des mutmaßlichen Schützen würden nach entsprechenden Kontakten durchleuchtet. Klar sei: "Der Verantwortung, die wir da haben, sind wir uns durchaus bewusst."

Der Kriminologe Rudolf Egg warnt derweil vor vorschnellen Rückschlüssen auf das Motiv des Täters: Neben einem möglichen rechtsradikalen Hintergrund könnte auch eine mögliche psychische Erkrankung des Täters in Betracht kommen, sagt er.


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Auch die Menschen im benachbarten Biebergemünd, dem Wohnort des mutmaßlichen Schützen, rätseln, was diesen getrieben haben könnte. "Der ist kein Rassist", hätten sich Nachbarn untereinander erzählt, berichtet eine 39 Jahre alte Anwohnerin. Dieser habe sich demnach schonmal mit einem türkischen Kollegen getroffen - das mache ja kein Rassist. Andere Anwohner erzählen: "Er war kein bösartiger Mensch." Springerstiefel, Bomberjacke, Hitlergruß - das habe es bei ihm nicht gegeben. Der Sender Hit Radio FFH zitiert dagegen einen Nachbarn mit den Worten, dass der 55-Jährige bei manchen Sprüchen "schon sehr, sehr rechtslastig" gewesen sei. "Er war da auf einer sehr stark deutschnationalen Richtung, das ist fremdenfeindlich gewesen."

Dass die Bluttat auf offener Straße passiert ist - und das "bei uns im Dorf" und nicht etwa in der Großstadt Frankfurt - das schockiert viele hier. "Wahllos" auf einen Menschen anderer Hautfarbe zu schießen - das sei "sehr übel", sagt eine 49-Jährige, die in Biebergemünd gerade ihre Mutter besucht.

Am benachbarten Tatort in Wächtersbach treffen sich am Abend rund 400 Menschen zu einer Mahnwache. "Wir waren ganz erschüttert, als wir davon erfahren haben", sagt Hans Rode. Zusammen mit seiner Ehefrau engagiert sich der 70-Jährige in einer Flüchtlingsinitiative im Nachbarort Birstein. Der Tatort ist nur wenige Meter von der Sprachschule entfernt, in die die Flüchtlinge gehen, die die Rodes unterstützen.

Auch unter den Flüchtlingen sei die Betroffenheit groß, sagt Adriana Rode. "Dass das so nah ist, hier direkt vor der Haustür, das ist beängstigend", sagt die 64-Jährige. Sie hält ein Schild hoch: "Omas und Opas gegen Gewalt von rechts". Damit wolle sie ein Zeichen setzen - auch im Namen ihrer Enkel nehme das Ehepaar an der Mahnwache teil. 

dpa

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