12°

Sonntag, 20.10.2019

|

zum Thema

Willkommen auf der Broadway-Resterampe

Chauvi-Story ohne Eleganz, aber mit tollem Orchester: Cy Colemans Musical "Little Me" im Stadttheater Fürth - 11.03.2019 10:14 Uhr

Volker Heißmann (Mitte) schlüpft in „Little Me“ in die Rollen von sieben Männern. © Foto: Marcus Weier


Komm, wir finden einen Schatz. Wartet seit 57 Jahren darauf, endlich ins Deutsche übersetzt zu werden. Will ans Licht, will funkeln, strahlen, bezaubern. Den ehrenwerten Fürther Bergungstrupp hätte allerdings jemand, am besten vor der viel zu lang geratenen Premiere, fragen müssen: Seid ihr sicher, Leute? Komponist Cy Coleman widerfuhr das einzige Volltreffer-Glück 1966 mit "Sweet Charity" und dem unkaputtbaren "Big Spender"-Hit. "Little Me" aber ist, man muss es so deutlich sagen: Broadway-Resterampe. 1962 blieb das Musical ein halbes Jahr auf dem Spielplan, Wiederbelebungsversuche in den 80er und 90er Jahren scheiterten nach nicht mal 100 Aufführungen. Hüstel. Was also tun anno 2019? Finger weg oder mit breitem Schatzgräberlachen zeigen, dass Colemans Goldtaler jeden Hexenschuss wert sind?

Höchste Sockenschuss-Qualität hat jedenfalls der Plot. Die aus sehr kleinen Verhältnissen stammende Belle Schlumpfert – Herr Stelter, bitte übernehmen Sie – will es nach oben schaffen, nach ganz oben. Die Kombi "Frau" plus "Aufstieg" hat in Neil Simons nach scharfem Sixties-After-Shave riechenden, weder Herrenwitz noch Herrenfantasien scheuenden Buch selbstredend mit Hochschlafen zu tun und mit der Begabung, nach etwa drei gewechselten Sätzen dringend heiratswillig zu sein. So ist Musical, klar. Nein, so war Musical, als von feinsinnigerer Psychologisierung à la "Sunset Boulevard" noch nirgends die Rede war. Dem reaktionären Dummchen-Frauenbild dieses unfassbar chauvinistischen Stoffes stemmt sich Nina Weiß in der Rolle der jungen Belle immerhin mit hinreißender Spielfreude und hauchfeiner Noblesse entgegen.

Wie überhaupt die Spielfreude ein großes Plus dieses Abends ist. Eine geballte Dosis Fürther Kulturklüngelei macht’s möglich, dass die Comödie zur freundlichen Übernahme des Stadttheaters antritt und mit den Musical-Elevinnen und -Eleven der Bayerischen Theaterakademie August Everding aus München zugleich reichlich Show-Schmackes über die Bühne rollt. Falsch macht hier niemand was, doch bei allem Bemühen fehlt ein Herzschlag, eine Mitte. Stattdessen: Musical wird gemacht.

Stets hat es den Anschein, als stünde das Regie-Duo Stephanie Schimmer und Wolfgang Gratschmaier mit der To-do-Liste in der Seitengasse und hake ab, was bei der Musical-DM abzuhaken ist. Man zeigt, was man kann, und das sieht gut aus: die von Gaines Hall choreografierten, keineswegs simpel ausgemalten Tanzszenen, der choristische Schwung, und ja, steppen können sie auch. Um den hiesigen Musical-Nachwuchs muss niemandem bange sein.

Eine Dosis Luxus

Und eine Dosis Luxus gönnt sich die Produktion ebenfalls: Die betagte Belle, die ihrem eifrigen Biografen die Beklopptheiten ihres Lebens an der Seite von 84 Männern schildert, ist keine Geringere als Maya Hakvoort. Was auf dem CD-Cover noch ein bisschen besser ausschauen dürfte als "Jutta Czurda", die, wie übrigens das gesamte Stadttheater-Hausensemble, daheim bleiben darf. Hakvoort ist es, die mit ihrem jungen Alter Ego Weiß im Duett "Meine Wenigkeit" einen glänzenden Moment hat. Da schnurrt und rattert und knattert und hampelt auf Totos elegant ausgeleuchteter variabler Showbühne ausnahmsweise einmal nichts; da gibt es nach kaugummizähen zwei Stunden endlich so etwas wie Rührung, Berührtsein, Wärme, Gefühl. Eine Ahnung dessen, was feine Abende ausmacht.

Das Herz der Produktion, wenn sie denn eins hat, schlägt ganz ohne Zweifel im Orchestergraben, wo Bandleader und Arrangeur Thilo Wolf Großartiges leistet. Dem im Original eher spröden Swing Colemans – selbst der einzige Hit, der von Ricardo Frenzel Baudisch prima gesungene "I’ve Got Your Number", der hier "Ich kenn dich, Baby" heißt, hat wenig Ohrwurm-Qualität – gibt der Fürther an der Spitze seiner hellwachen Band perkussiven Schwung und enormen rhythmischen Drive. Man höre etwa das Intro zu "Tief innen drin" im ersten Teil. Die vom Schlagwerk angetriebenen Jungle-Einsprengsel scheinen direkt aus Duke Ellingtons Werkstatt zu kommen. Als hätte Colemans Partitur plötzlich ein SUV-Getriebe. Wenn "Little Me" 2019 überhaupt eine Daseins- und Überlebensberechtigung hat, dann aus einem Grund. Und der ist für die Ohren.

Fehlt noch wer? Richtig, Volker Heißmann. Alle sieben Männer, für die Belles Herz schlägt, spielt er, so war das schon in der Uraufführung. Ein französischer Entertainer ist darunter, ein fieser alter Bankier im Rollstuhl, ein Italiener. Kurz und schmerzlos: Heißmann spielt Heißmann, Heißmann singt, Heißmann schäkert mit dem Publikum – und schaut beim nicht allzu enthusiastischen Schlussapplaus am Vorabend seines 50. Geburtstages dann doch eher ratlos als happy aus. Vielleicht dämmerte ja auch ihm, dass die Produktion im zweiten Teil erschreckend ungebremst Richtung Provinzklamotte rauscht und die Comödien-Fahne stolz auf dem Stadttheater-Dach weht. Da sind sie tatsächlich wieder, die Gags über Poppenreuth ("Poppenheut und Poppenmorgen"), Bunga-Bunga und verschluckte Trompeten-Mundstücke, die auf dem WC wieder zum Vorschein kommen. Man wird fassungsloser Ohren- und Augenzeuge, wie ein "Broadwayklassiker" auch den Rest Eleganz aushaucht und eine konfuse Klamotte ihren Weg nimmt.

Der Goldschatz, ein Blechhaufen. Wie die Fortsetzung von Veitshöchheim. Nur die Musik ist besser.

Weitere Termine bis 24. März, Kartentelefon 09 11/2 16-27 77.

MATTHIAS BOLL

4

4 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Kultur