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Traurige Lieder: Enno Bunger kommt zu Nürnberg.Pop

Der Hamburger Liedermacher hat ein mieses Jahr hinter sich - und ein neues Album - 08.10.2019 10:29 Uhr

Stellt sein neues Album „Was berührt, das bleibt“ am Freitag beim „Nürnberg.Pop“-Festival vor: Der ostfriesische Liedermacher Enno Bunger. © Foto: Dennis Dirksen


Enno Bunger lebt zwar seit Jahren in Hamburg, aber er kommt aus Ostfriesland, genauer gesagt – wie auch Otto Waalkes und H.P. Baxxter von Scooter – aus Leer. "In Ostfriesland", sagt er, "sind die Menschen innerlich herzlich, aber sie tragen ihre Gefühle nicht zur Schau. Von der Mentalität her sind wir eher ruhig bis stoisch. Um so richtig emotional sein zu können, brauchen wir unsere Kunst."

"Was berührt, das bleibt" hat Enno Bunger sein viertes Album genannt. Traurigere, ernstere, aufrichtigere und auch schönere Lieder als die darauf enthaltenen elf wird man in diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr zu hören bekommen. "Es gab bei mir in den letzten Jahren nicht viel zu lachen", sagt der 32-Jährige in feinstem norddeutschem Understatement. "Vermutlich hätte ich einen Therapeuten aufsuchen müssen, und wahrscheinlich werde ich das auch noch tun, aber ich entschied mich, zunächst mal über die Geschehnisse zu schreiben, die mich so fertiggemacht haben. Denn ich glaube daran, dass die größte Scheiße der beste Dünger für Kreativität sein kann."

Ob es ihm etwas ausmacht, seinen Schmerz und seine Trauer im Konzert vor allabendlich bis zu tausend Menschen zu teilen? Nein. "Das ist eher eine tröstende Erfahrung. Anfangs sind solche Lieder vor allem Verarbeitung. Aber dann werden sie zu Songs, die auch anderen Menschen helfen und guttun können."

Zerstörte Hoffnungen

Das Leben hat dem Sänger und Songschreiber, wie er es selbst im Song "Glaube an die Welt" formuliert, in den vergangenen Jahren jedenfalls so richtig mit Anlauf in die Fresse gehauen. Seine Freundin Sarah erkrankte an Krebs (und überlebte). Lena, die Frau seines Schlagzeugers und besten Freundes Nils Dietrich, jedoch starb an Leukämie, nachdem sie vorübergehend als geheilt galt. Beide Frauen waren noch keine 30, als sie die Diagnose bekamen. "Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto sechs Richtige zu haben, ist höher als das", sagt Bunger. "Die Hoffnungen, die keimen und zerstört werden, die ewigen Aufs und Abs, der Verlust eines geliebten Menschen – das ist der Stoff dieser Platte."

Nach Lenas Tod schreibt Enno nichts, er sitzt nur zuhause rum und versucht, irgendwie klarzukommen. "Wir wussten alle nicht mehr, wohin mit uns. Wie wir uns gegenseitig stützten und füreinander da waren, wie wir versuchten, wieder auf die Beine zu kommen, auch davon handeln diese Lieder."

"Freiwillig eingesperrt"

Schließlich setzt sich Enno ans Klavier und lässt die Musik aus sich herausfließen. Eines der ersten Stücke, das er "ohne Internet und freiwillig eingesperrt auf Borkum" schreibt, ist "Ponyhof", die Vertonung jener Rede, die er im August 2017 als Trauzeuge auf der Hochzeit von Nils und Lena hielt. "Das war einer der schönsten Tage meines Lebens", erinnert sich der Musiker, der mit sechs Jahren Klavierspielen lernte und nach hunderten von selbstorganisierten Konzerten 2010 sein erstes Album herausbrachte.

Die Melancholie prägt Bungers Werk von Beginn an, auf dem Album "Wir sind vorbei" (2012) geht es quasi monothematisch um eine damalige Trennung. Aber so weit und so tief in sein Innerstes wie auf "Was berührt, das bleibt", wagte er sich noch nie vor. "Die Bäume streuen Konfetti", den Song über Lenas Beerdigung nur drei Monate nach der Hochzeit, kann man kaum trockenen Auges zu Ende hören.

Dass trotz des tragischen Ursprungs weder lyrisch noch musikalisch eine reine Depri-Platte entstanden ist und manche Stücke wie zum Beispiel die Durchhalte-Hymne "Stark sein" ganz schön kernig und im Stil der frühen Oasis produziert sind, kann man Enno Bunger kaum hoch genug anrechnen. Sich zwar runterziehen, aber nicht für alle Zeiten unterkriegen zu lassen, darum geht es ihm.

Er sagt: "Die Botschaft dieser Lieder ist für mich eigentlich sehr positiv. Ich wünsche mir, dass wir unsere Niedergeschlagenheit in konstruktives Handeln umwandeln. Im persönlichen Bereich, aber auch sonst, etwa mit Taten gegen den Klimawandel. Dass wir aufstehen und etwas bewegen." Wenn man immr nur auf etwas warte, könne es schneller als gedacht zu spät sein. Und so handelt "Bucketlist" davon, seine Wünsche und Träume nicht länger aufzuschieben, sondern in die Tat umzusetzen, "um am Ende, wann immer dieses Ende kommt, sagen zu können, dass es ein schönes Leben war."

InfoAktuelles Album: Enno Bunger, "Was berührt, das bleibt" (Columbia). Am Freitag, 11. Oktober, ist Enno Bunger zu Gast beim "Nürnberg.Pop"-Festival.

STEFFEN RÜTH

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