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Spät zum Bestseller: Autor Andrea Camilleri gestorben

Der kauzige Kommissar Salvo Montalbano machte ihn weltbekannt - 17.07.2019 11:30 Uhr

Andrea Camilleri wurde mit Comissario Montalbano bekannt. © Claudio Peri


Mit ihm wird wohl auch seine berühmteste und wichtigste Romanfigur verschwinden. Das Ende des liebenswerten, etwas spröden Kommissars Salvo Montalbano hatte der italienische Autor Andrea Camilleri schon lange vorbereitet. Sein Verlag werde das Manuskript nach seinem Tod veröffentlichen, hatte der gebürtige Sizilianer vor einigen Jahren berichtet. Nun ist Camilleri am Mittwoch im Alter von 93 Jahren in Rom gestorben.

Sterben sollte Montalbano aber nicht, so viel hatte Camilleri schon verraten: "Er wird gehen, verschwinden, aber ohne zu sterben." Mit dem Kommissar hat sich Camilleri selbst ein Denkmal geschaffen, die Romanfigur hat ihn in aller Welt bekannt und zu einem der beliebtesten Schriftsteller Italiens gemacht. 27 Bücher gibt es mit dem Commissario, der Camilleri erst im Alter von etwa 70 Jahren in aller Welt bekannt und beliebt machte, dazu kommen "Montalbano"-Kurzgeschichten.

Kritische Stimme

Zuvor hatte Camilleri vor allem als Regisseur, Drehbuchautor und Professor gearbeitet und mit historischen Romanen nur wenig Erfolg gehabt. Camilleri galt auch als kritische Stimme Italiens – vor Kurzem noch kritisierte er Innenminister Matteo Salvini: Diesen mit einem Rosenkranz in der Hand zu sehen, rufe Brechreiz in ihm hervor, hatte er gesagt. In seinen Romanen fiel die distanzierte Betrachtung der Probleme der Gesellschaft des Landes auf. Mit seinen Geschichten hielt Camilleri seinem Heimatland gekonnt den Spiegel vor, scheute sich nicht, auch heikle Themen anzusprechen. Auch die literarischen Zitate und die tiefgründigen Dialoge im sizilianischen Dialekt waren typisch für seine Bücher. Mehr als 30 Millionen Exemplare wurden in aller Welt verkauft, die Romane in Dutzende Sprachen übersetzt. Wochenlang beherrschten die Werke die italienischen Bestseller-Listen.

Und Camilleris Leben und Persönlichkeit fanden sich in seinen Romanen auch ein Stück weit wieder – so ähnelte die Figur des Commissario Montalbano seinem Vater, der fiktive Schauplatz Vigàta in Sizilien seinem Heimatort Porto Empedocle, einer süditalienischen Küstenstadt. Dort wurde er am 6. September 1925 geboren. Bereits mit zwölf Jahren begann Camilleri zu schreiben, während seines Philosophie-Studiums veröffentlichte er dann erste Erzählungen und Gedichte. Später arbeitete er vor allem als Theaterregisseur, TV-Produzent und Drehbuchautor, war an zahlreichen Krimi-Serien für das italienische Fernsehen beteiligt. 

Zuletzt erblindet

Später versuchte Camilleri sich mehr und mehr als Schriftsteller und Autor, doch sein erstes Werk "Il corso delle cose" ("Der Lauf der Dinge") wurde 1978 von 14 Verlagen abgelehnt. Der Durchbruch folgte erst 1995 fast über Nacht mit seinem ersten Montalbano-Roman "La forma dell'acqua" ("Die Form des Wassers"). Der Commissario habe ihm "auf geradezu beängstigende Weise wie eine Dampfwalze den Weg geebnet", meinte Camilleri später. "Ich dachte, ich hätte nicht genug für eine so lange Serie. Aber dann hat es doch geklappt", sagte der Vater dreier Töchter. Von den "Montalbano"-Krimis kamen auch viele in Deutschland auf den Markt.

Zahlreiche seiner Romane wurden zudem für das Fernsehen verfilmt, auch das ZDF strahlte einige Episoden aus. Geschrieben hat Camilleri bis ins hohe Alter – erst im Mai war der 27. "Montalbano"-Roman in Italien in die Läden gekommen. Und das, obwohl er zuletzt erblindet war. "Ich habe mich immer gehasst und jetzt sehe ich mich endlich nicht mehr. Ah, wie wunderbar!", sagte er einmal in einem Interview. Seiner Heimat Sizilien blieb er stets eng verbunden, lebte aber seit 1949 und bis zu seinem Tod in Rom. Einmal öffnete er sein Wohnzimmer für einige treue Leser: Lange Bücherregale und gemütliche Sessel, in denen der passionierte Raucher Camilleri mit einer Zigarette im Mund seine Romane schrieb. 

Brief an die Urenkelin

Anfang nächsten Jahres soll im Rowohlt-Verlag sein letztes Buch "Brief an Matilda" erscheinen: Der alte Mann schreibt darin an seine damals vierjährige Urenkelin. Dabei durchlebt Camilleri noch einmal die Etappen seines Lebens, von Kindheitserinnerungen an die Mussolini-Ära über die bleiernen Jahre und Berlusconi bis hin zu einem Mafia-Blutbad in seiner Heimatstadt. Und er erzählt von der ersten Begegnung mit Rosetta, der Liebe seines Lebens.

Er schreibt über seine sizilianischen Wurzeln, über Liebe, Freundschaft, Politik, Literatur. Dabei hat Camilleri durchaus den Mut, Fehler zuzugeben. Es gibt keine Sicherheiten, die er Matilda mitgeben kann.  

dpa/nn

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