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Nürnberger Clubbetreiber: Mehr Anerkennung nötig

Axel Ballreich vom "Hirsch" fordert Maßnahmen gegen das Musikspielstätten-Sterben - 27.02.2020 11:30 Uhr

Kultur, nicht nur Vergnügen: In Clubs wie dem „Hirsch“ sind hochkarätige Konzerte (hier Moop Mama 2017) zu hören. Deshalb kämpfen die Betreiber um politische Unterstützung der Einrichtungen. © Foto: Matthias Hertlein


Herr Ballreich, Sie kämpfen gegen das Clubsterben. Wie gehen Sie vor?

Alleine kommt man da nicht weit. Man muss auf jeden Fall die Politik mit ins Boot holen. Deswegen waren wir in Berlin. Dort konnten wir den Abgeordneten das Thema in einer Sondersitzung des Bauausschusses vorstellen. Es ging vor allem darum, ob man das Clubsterben auf politischer Ebene bremsen kann, indem man das Ansehen der Clubs in der Kulturlandschaft stärkt. Drei Clubbesitzer haben ihre Geschichte erzählt und ihre Probleme erläutert. Das Echo war soweit sehr positiv.

 

Was ist das größte Problem?

Die Städteverdichtung. Gerade in den großen Städten. Es gibt einen enormen Druck auf dem Immobilienmarkt. Der führt dazu, dass Flächen, wo jetzt noch Clubs angesiedelt sind, zum Beispiel leerstehende Fabriken, in Wohnbau umgewidmet werden. Das heißt, die neuen Wohnhäuser rücken den Clubs auf den Pelz, dann hagelt es Beschwerden wegen Lärmbelästigung, oder Veranstaltungsorte müssen sofort schließen und einem neuen Gebäude weichen. Allein in Berlin haben deswegen in den letzten drei Jahren 100 Clubs geschlossen, 70 davon konnten an anderer Stelle wieder neu aufmachen. Hier setzen wir an.

Was fordern Sie konkret?

Im Moment stehen Musikclubs rechtlich auf dem gleichen Level wie Casinos oder Tabledancebars. Sie gelten als Vergnügungs- und nicht als Kulturstätten. Das erschwert die Neuansiedlung erheblich. Weil man so was nicht unbedingt in der Nachbarschaft haben will, sind Vergnügungsstätten in bestimmten Vierteln komplett verboten. Aus Wohngebieten sind sie völlig verbannt. Wir fallen da dummerweise drunter. Dabei haben Musikclubs einen ganz anderen kulturellen Anspruch. Wir möchten deswegen erreichen, als Kulturstätten anerkannt zu werden.

 

Axel Ballreich, 59, ist Mitinhaber des Concertbüros Franken und des Nürnberger Liveclubs „Hirsch“. Er ist Gründungsmitglied der Livekomm, dem Verband der Musikspielstätten in Deutschland. Bundesweit vertritt dieser die Interessen von mittlerweile fast 600 Musikclubs. Seit vergangenem Jahr ist der Nürnberger Vorsitzender des Verbands. © Foto: Steffen Windschall


Musikclubs wären damit auf einer Stufe wie Opern-, Schauspiel- und Konzerthäuser. Wie rechtfertigen Sie das?

Nun, wir stehen nicht für die Massendisko mit 2000 Besuchern, in der jemand auf Play drückt und dann läuft irgendeine Hitparade. Wir definieren das klar. Wir sind Clubs, die entweder Live-Musik im Sinne von Konzerten bieten oder in denen DJs ihre eigene Elektromusik aufführen. Und wir kümmern uns um die Nachwuchsförderung. Insofern sind Musikspielstätten durchaus eine kulturelle Bereicherung. Dazu kommt auch, dass man für ein Konzert mit 200 Leuten auch nicht die Meistersingerhalle anmieten kann. Das würde kostenmäßig nicht funktionieren und auch das Flair ist ganz anders. Ein Musikclub hat eine ganz andere, intimere Atmosphäre. Wir haben in Nürnberg auch gar keine schlechte Abstufung. Wir haben kleine Clubs wie den der Musikzentrale oder den Club Stereo, wir haben mittlere wie den "Hirsch" und dann geht’s weiter mit "Löwensaal" oder "Z-Bau" und so weiter.

Sind die Nürnberger Clubs in Gefahr?

Der Immobilienmarkt ist hier auch schwieriger geworden, aber er ist immer noch relativ stabil und die hiesigen Clubs soweit recht safe. Was unseren "Hirsch" angeht, haben wir auch keinerlei Ärger mit Anwohnern. Wir sind in einem Gewerbemischgebiet, das geht ganz gut. Wir haben hinten den Garten, in dem auch die Raucher niemanden stören. Drum herum ist nichts, das ist unproblematisch. Das ist bei Clubs in der Innenstadt natürlich viel, viel schwieriger. Im Prinzip kann ein einzelner, sturer Nachbar mit guter Rechtsschutzversicherung eine Kneipe, Bar oder eben einen Club zu Fall bringen.

 

 

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Das hört sich vielversprechend an. Läuft es auf Bundesebene auch so kooperativ?

Ja, wir sind bei allen demokratischen Parteien ganz gut durchgedrungen. CDU/CSU, FDP, Grüne, Linke, SPD haben alle gesagt, sie sehen das eigentlich auch so wie wir. Sie haben uns signalisiert, dass man versuchen wird, die entsprechenden Verordnungen anzupassen. Wobei es nicht so einfach ist. Politik ist ein relativ kompliziertes Geschäft. Trotzdem sind wir guter Dinge. Es war eine sehr konstruktive Sitzung und ein erfolgreicher Tag. Wir haben dann auch das Parlamentarische Forum Nachtkultur gegründet.

 

Was ist das?

Etwas völlig Neues. Das Forum besteht aus Abgeordneten der genannten Parteien und soll ein- bis zweimal im Jahr tagen und sich um die Probleme und Anliegen der Nachtkultur kümmern. Schon jetzt haben wir über 30 Anfragen von Bundestagsabgeordneten, die daran teilnehmen wollen.

 

Das heißt, es sieht alles gar nicht so düster aus?

Naja, doch, für den einzelnen Clubbetreiber ist es schlimm, wenn er zumachen muss. Der Geldmangel ist der größte Feind der kleineren Clubs. Die Verdichtung der Städte gepaart mit deren Umsatzschwächen. Mit einem großen Immobilieninvestor können die natürlich nicht mithalten. Wir sind deswegen dran, eine bundesweite Clubstiftung zu gründen. Das ist unser nächstes Projekt. Wir sammeln Gelder ein – möglicherweise über einen Club-Euro, der auf die Tickets oder Eintrittspreise draufkommt – die dann an die Stiftung gehen. Die kümmert sich dann um gefährdete Clubs. Sie könnte zum Beispiel ein Grundstück kaufen und dann günstig weiter an den Betreiber verpachten. Wir machen uns natürlich nichts vor: Eine solche Stiftung auf Bundesebene zu etablieren, wird dauern. Aber wir sind dran und guten Mutes.

INTERVIEW VON MAGDALENA GRAY

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