Donnerstag, 19.09.2019

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"Miroloi": Karen Köhler stellt ihren neuen Roman vor

Lebenswelt der Frauen in einem Dorf fernab der bekannten Welt - 24.08.2019 19:26 Uhr

Die Männer haben dort das sagen, eine Drei-Götter-Religion bestimmt den Alltag, die ohne technische Hilfsmittel bewältigte Landwirtschaft den Jahresablauf. Karen Köhler hat eine archaische Gesellschaft erdacht, auf einer Insel in einem Meer liegend (und nicht nur sprachlich gibt es Hinweise auf Griechenland, aber das ist eigentlich egal).

Die in Hamburg geborene Autorin Karen Köhler. © Foto:Julia Klug/Hanser Verlag


Allmählich lernt man als Leser, dass hier keine Ur-Gesellschaft von vor vielen hundert Jahren beschrieben wird, sondern eine heutige, aber von der heutigen Zivilisation abgeschnittene. Flugzeuge ziehen über die Insel weg, ein paar wenige Männer wissen das silbrige Objekt am Himmel einzuordnen. Ihr Wissen teilen sie nicht.

"Miroloi", so der Titel des ungewöhnlichen, aber mit jeder Seite fesselnderen Romans, ist die traditionell von Frauen vorgetragene Totenklage. Und hier klagt die Ich-Erzählerin, ein junges Mädchen, um sich selbst, um ein weggeworfenes Leben in der Zwangsjacke der Traditionen und der dörflichen Überwachung.

Sie ist namenlos, ein Findelkind, über dessen Eltern sich alle das Maul zerreißen. Nur ihr Ziehvater und eine mütterliche Freundin helfen ihr in ein humanes Leben, in dem sie Respekt genießt und gefördert wird. Und schließlich lesen, schreiben und schwimmen lernt.

Zarte Heldin mit kluger Naivität

Karen Köhler, mit ihrem Erzählungsband "Wir haben Raketen geangelt" bekannt geworden, hat ihrer zarten Heldin eine Art kluger Naivität mitgegeben, sie schildert aus der Sicht dieser heranwachsenden Frau die Neugier auf das Leben, die auch gegen Widerstände besteht. Das betrifft die Geheimnisse der Schrift, aber auch die der Liebe. Das Mädchen lernt den hübschen Jungen Yael kennen, der ihr als erster einen Namen gibt. Ihre Treffen gelingen nur, weil sie ihm Zettel hinterlassen kann. Beides, die Liebe zu dem Priesterschüler jenseits des Berges und das Lesen und Schreiben, sind verboten, weil sie Freiheit gewähren.

Köhler gelingt mit dieser Beschreibung einer engstirnigen, auch brutalen Dorfgemeinschaft ein literarischer Trick: Sie schildert eine archaische Gemeinschaft, verweist aber zugleich auf ganz heutige Zustände zwischen Mann und Frau, Gebildeten und Ungebildeten, Machthabern und Dienenden grundsätzlich. Was die anderen mit dem Mädchen machen, nennt man heute Mobbing, was die Dorfältesten ihren Mitmenschen antun, ist schlicht Unterdrückung durch Vorenthalten von Bildung und Informationen.

Ein Buch wie eine griechische Sage

Zugleich liest sich dieser Abgesang auf Patriarchat und Ungleichheit wie eine griechische Sage in 128 "Strophen", wie die Autorin die Kapitel nennt, kraftvoll, emotional und bildreich. Ein außergewöhnliches Buch – über das Frausein, über die Sehnsucht nach Freiheit und über die Macht der Schrift.

Die Autorin liest am Samstag, 31.8., um 16.30 Uhr beim Erlanger Poetenfest.

Karen Köhler: Miroloi. Roman. Hanser Verlag, 464 Seiten, 24 Euro  

Katharina Erlenwein

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