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Samstag, 20.07.2019

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Eli Wasserscheid als Päpstin auf der Luisenburg

Umjubelte Premiere bei den Freilichtfestspielen in Wunsiedel - 16.06.2019 17:30 Uhr

Szene aus dem Stück „Die Päpstin“ auf der Luisenburg mit Eli Wasserscheid in der Hauptrolle. © Foto: Rainer Maier


Der Tod hat gut zu tun in diesem Stück. Er reißt Menschen aus dem Leben, arm und reich, jung und alt. Zuweilen entvölkert er ganze Städte. Am Schluss holt er auch Johanna. Über die Jahre hat sie ihm mit ihrer Heilkunst manches Leben abgetrotzt. Jetzt schmiegt sie sich erleichtert in seine Arme. Sein Kommen erlöst sie aus einem Kampf, den sie nicht gewinnen konnte: Eine kluge, mutige Frau gegen eine in patriarchalischem Denken verbohrte Welt. Ein aufgeklärter Geist gegen das Dunkel des frühen Mittelalters.

Lukas Schöttler spielt den Tod bleich geschminkt im weißen Anzug. Nicht den Schrecken des Sensenmannes verströmt er, sondern die Milde eines unparteiischen Mittlers zwischen den Welten. Beim langen Applaus nach der Premiere wird er mit Bravo-Rufen belohnt. Auch dafür, dass er mit seinen unaufgeregten Ansagen geholfen hat, durch die Geschichte zu führen, die die 600-Seiten-Romanvorlage von Donna Woolfolk Cross auf einen zweieinhalbstündigen Theaterabend verdichtet.

Den Tod als allegorische Figur ins Spiel zu bringen, ist einer der Glücksgriffe, die Birgit Simmler bei ihrer Inszenierung gelungen sind. Die Künstlerische Leiterin der Festspiele will nicht mehr – wie im Vorjahr bei "Andreas Hofer" – in einem einzigen Stück alles zeigen, was auf dieser Riesenbühne möglich ist. Beim Überfall der Normannen lässt sie kein Komparsen-Heer aufmarschieren. Allein der Tod schwingt sein Schwert und mäht die Menschen aus der Entfernung nieder. Eine beeindruckend exakt gesetzte Choreographie des Gemetzels.

Cellistin in den Felsen

Überhaupt: Gewalt stellt Simmler stets nur durch das Spiel derer dar, die sie erleiden müssen. Umso intensiver und bedrückender ist die Wirkung dieser Szenen. Unterstützt wird das durch die dramatische Musik der Cellistin Susanne Hirsch, die hoch oben in den Felsen platziert ist (Bühnenbild und Kostüme: Karel Spanhak).

Getragen wird "Die Päpstin" von der Entwicklung der Titelfigur, von der man nicht weiß, ob sie nur Legende ist oder historische Wahrheit war. Eli Wasserscheid (bekannt aus dem Franken-"Tatort") spielt sie grandios. Als Kind, wenn sie ihr kindliches Ich (Pauline Jena) begleitet, fasziniert den Erzählungen der Mutter (Kristin Lenhardt) von den alten germanischen Göttern lauscht oder wissbegierig den großen Bruder (Paul Büttner) anfleht, ihr das Lesen beizubringen. Als ehrgeizige Schülerin, wenn sie trotzig alle Dogmen hinterfragt. Als Teenager, wenn sie sich in den Markgrafen Gerold verliebt (Christian Sengewald als vom Wissen und Wesen Johannas hingerissener Ritter).

Neue Welten eröffnen sich Johanna, als sie sich auf der Flucht vor den Normannen als Mann verkleidet: "Keiner quält mich mehr, weil ich tue, was ich liebe." Endlich hat sie uneingeschränkt Zugang zu Bildung, studiert im Kloster Medizin, wird in Rom Leibarzt des Papstes. Schließlich steigt sie selbst ins höchste Kirchenamt auf. Doch in jede Phase ihres Lebens reist ihre innere Zerissenheit mit. Einmal fragt sie sich selbst: "Wer bin ich? Mann? Frau? Verstand? Gefühl?" Am Schluss will sie beides – und verliert alles.

Das Publikum feiert Wasserscheid lange – für ihre eindrucksvolle Darstellung, aber wohl auch für die Ideen ihrer Päpstin, die Gott in allem sieht, wo Liebe ist. Und die die Chancengleichheit von Mann und Frau als Menschenrecht verehrt. Vor 1200 Jahren ein tödliches Wagnis.

InfoVorstellungen bis 10. August. Auf dem Luisenburg-Spielplan stehen auch "Madagascar", "Grease", "Shakespeare in Love", "Arturo Ui", "Zucker", "Ein Walzertraum" und "Fidelio". Information und Karten auf www.luisenburg-aktuell.de oder per Telefon: 0 92 32/60 21 62. 

ANDREA HERDEGEN

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