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Radlerparadiese Normandie: Am Fels im Watt

Wer aufs Fahrrad steigt, bekommt ein ganz anderes Gesicht der Region zu sehen - 20.04.2019 07:42 Uhr

Der Mont-Saint-Michel bei angehender Flut und von hinten: Kloster und Gemeinde haben gerade mal 30 Einwohner, empfangen aber jährlich drei Millionen Touristen. © Regina Urban


Das Radwegenetz umfasst inzwischen mehr als 1600 Kilometer – die letzte Etappe der Strecke Véloscénie, die von Paris über 400 Kilometer nach Mont-Saint-Michel führt und eine von etwa zehn Hauptrouten ist, wurde 2015 fertiggestellt. Hier, am zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden Abteiberg, der mit jährlich rund drei Millionen Besuchern nach Notre-Dame in Paris Frankreichs größter Touristenmagnet ist, startet auch unsere Tour.

Allerdings ohne Rad, denn seit 2012 ist die Zufahrt mit Privatfahrzeugen untersagt. Das gilt auch für Radfahrer. Die alte Dammstraße wurde abgetragen, um Ebbe und Flut freie Bahn zu lassen und die Klosterinsel vor der weiteren Verlandung zu schützen. Im kostenlosen Shuttlebus fähren wir über eine 760 Meter lange Stelzenbrücke zur Ehrfurcht gebietenden Klosteranlage, die Bischof Aubert der Legende nach im Jahr 708 gründete.

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Die Normandie: Entdeckerland für Radfahrer

Für eine Radtour durch die Normandie muss man keine Sportskanone sein. Das bestens ausgebaute Wegenetz führt durch eine friedliche, überwiegend landwirtschaftlich geprägte Region, die immer wieder mit spektakulären Sehenswürdigkeiten aufwartet - vom weltberühmten Abteiberg Mont St. Michael bis zu Claude Monets Gärten in Giverny.


Unser deutsch-französischer Wattführer François Lamotte d’Argy führt uns durch den Schlick in die riesige Bucht hinter dem Mont-Saint-Michel. In etwa drei Kilometern Entfernung erhebt sich die kleine Insel Tombelaine, von der aus die Engländer im Hundertjährigen Krieg gegen Ende des Mittelalters vergeblich versuchten, den Berg einzunehmen. Zugleich lockte das Eiland – heute ein Vogelschutzgebiet – schon im 12. Jahrhundert zahlreiche Pilger auch aus Deutschland an.

So verhindert man, im Schlick zu versinken

François kennt die Legenden, weiß jede im Schlick lebende Pflanzenart zu benennen, demonstriert, wie man verhindert, im Watt zu versinken. Und er präsentiert einen anderen Blick auf den Mont-Saint-Michel: Erst in der Rückansicht offenbart sich die überwältigende Harmonie dieses romanisch-gotischen Architekturwunders.

Im Städtchen Ardevon werden wir am nächsten Morgen von einer Schafherde geweckt. Dann packt unser Reisebegleiter und Radguide Hugo Guillochin die Fahrräder vom Van. Nun radeln wir über die letzte Véloscénie-Etappe gut 30 Kilometer nach Ducey – begleitet von stets neuen Ausblicken auf den Mont Saint-Michel.

Der Guide François Lamotte d`Argy demonstriert, wie man verhindert, im Schlick zu versinken. © Regina Urban


Die weite, friedliche Landschaft kann leicht vergessen machen, dass wir uns in der Nähe eines der entscheidenden Schauplätze des Zweiten Weltkriegs befinden, wo mit der Landung alliierter Truppen am 6. Juni 1944 die Befreiung Frankreichs von der deutschen Besatzung begann. D-Day-Touren sind hier äußerst beliebt, auch Hugo bietet sie an. Wir beschränken uns auf einen Abstecher zur deutschen Kriegsgräberstätte Mont d’Huisnes. In dem Rundbau mit 68 Gruften auf zwei Ebenen ruhen 12 000 deutsche Kriegsgefallene. Ein beklemmend schmuckloser Ort, an dem angemessene Totenstille herrscht.

Über Caen geht es bis zur ehemaligen Benediktinerabtei von Jumièges, die als "schönste Ruine Frankreichs" gilt. Fast surreal erhebt sich das bleiche Gerippe des mächtigen Kirchenbaus, der während der Französischen Revolution als Steinbruch genutzt wurde, bis zu 46 Meter in den Himmel. Von hier aus fahren wir mit dem Bike über die Veloroute Val de Seine an schier endlosen Apfelbaum-Plantagen entlang – wir sind im Mutterland des Cidre und des Calvados. Schilder mit dem Aufdruck "Partageons La Route" mahnen Autofahrer freundlich zur Rücksichtnahme auf die Radler.

Einträchtig teilen sich Autos und Fahrräder die Straßen in der Normandie. © Regina Urban


Bei Mesnil geht’s mit der Fähre wieder auf die andere Seine-Seite und dann mit dem Van 22 Kilometer nach Rouen. Mit ihren prächtigen Kirchen und den Gassen voler Fachwerkhäuser präsentiert sich die normannische Hauptstadt als Kunstwerk – größte Attraktion ist Notre-Dame, ein gotisches Juwel wie die soeben abgebrannte Kathedrale in Paris. Rouen wurde im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört und wieder aufgebaut.

Finaler Höhepunkt der Tour ist Monets Garten in Giverney. Denkt man sich die Touristenscharen weg – weit über 600 000 Besucher werden in der Öffnungszeit vom 1. April bis 1. November gezählt – ist es, als würde man in die Seerosenteich-Gemälde des Künstlers eintreten. Monet, der sich hier 1883 niederließ und zehn Jahre später im Marschland auf der anderen Straßenseite seine weltberühmten Gärten anlegte, schuf sich in Giverny sein Paradies.

Konditionsstarke Radfahrer können dieses traumhafte Fleckchen Erde seit 2018 auch über den neuen Streckenabschnitt von Jumièges nach Vernon erreichen, der die Val de Seine zur Fahrradroute "La Seine à Vélo" vereint.

Mehr Informationen:
Normandie Tourisme
www.normandie-tourisme.fr,
das die Reise unterstützte.
Anreise:
Mit Air France ab Nürnberg über Paris nach Rennes. Zug in neun Stunden. Umstieg in Paris. Mit dem Auto 1100 Kilometer in elf Stunden.
Günstig wohnen:
Auberge de la Baie
https://hotels.le-mont-saint-michel.com/auberge-de-baie/
Luxuriös wohnen:
Manoir d`Hastings
www.manoirdhastings.fr
Beste Reisezeit:
Frühjahr bis Herbst.

Regina Urban

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