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Chiapas in Mexiko: Feiern, Voodoo und katholische Riten

Im Hochland erleben Touristen eine Messe der etwas anderen Art - 20.04.2019 07:24 Uhr

Die Gläubigen fackeln vor der Kirche San Juan Bautista ihr Feuerwerk ab. © Ulrike Löw


Von außen wirkt die Kirche, die die spanischen Eroberer San Juan Bautista (Johannes dem Täufer) weihten, nicht untypisch für ein Gotteshaus. Doch innen ist alles anders: Es gibt keine Bänke, auf dem Boden liegen Pinienzweige, unzählige Kerzen brennen, und hier und da sitzen Gläubige mit einem Schamanen auf dem Boden und murmeln monoton vor sich hin. Andere laufen herum und sprechen laut miteinander. Messen werden nicht gelesen. Es riecht nach Räucherstäbchen und Alkohol, und dazwischen gackert ein Huhn gegen sein Schicksal an.

Wir stehen mit Cesar, einem Touristenführer, in dieser Kirche in San Juan Chamula, einem kleinen Ort in den Bergen der südmexikanischen Provinz Chiapas. Wir haben den Ausflug "Indiodörfer entdecken" gebucht und nun einen Tag lang Zeit für Tzotzil-Indianer, Kirchgang und örtlichen Markt. Da sitzen Frauen auf der Straße und spinnen per Hand die Schafwolle für Fellwesten und Röcke. Und in der Kirche trinken viele Besucher Cola aus Plastikflaschen.

Cesar, dessen Vorfahren aus Chamula stammen, erklärt uns, dass die Zeremonie, die heute in dieser Kirche gefeiert wird, mit einem Hohen Kirchenfest gar nichts zu tun hat. Die stämmigen Männer, die so stolz vor der Kirche stehen, geben lediglich ihre religiösen Ämter ab. "Sie tragen traditionelle Kleidung", sagt Cesar, "ein Sombrero aus Stroh, ein Poncho aus Wolle."

Auf dem Vorplatz der Kirche kracht und knallt es im Sekundentakt – Fontänen, Vulkane und Sonnenfeuer schießen aus dem Boden. Was für ein Spektakel zum Abschied der Männer.

Ein Streiter für die Rechte der Indios

Die spanischen Eroberer nannten die Nachfahren der Maya gottlos und primitiv, sie raubten ihnen ihr Gold und begriegten sie. Die katholische Kirche verklärte den Völkermord, indem sie ihn zur göttlichen Mission erklärte. Es fruchtete nur zum Teil, denn die Menschen aus Chamula gaben ihre indigene kulturelle Identität nicht auf, vermischten sie vielmehr mit den ihnen übergestülpten christlichen Zeremonien.

Touristen, die im acht Kilometer entfernten San Cristobal de las Casas wohnen, wird häufig ein Ausflug nach Chamula angeboten: Die Stadt verdankt ihren Namen Bartolomé de Las Casas, dem ersten Bischof der Provinz Chiapas (1484 –1566). Er wurde zu einem der schärfsten Kritiker der spanischen Konquistadoren. In einer Zeit, in der nur ein toter Indianer als guter Indianer galt, stritt er für die Rechte der Indios.

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Vorher war er selbst als Soldat an der Eroberung Kubas beteiligt und erlebte, wie Hatuey – ein kubanischer Führer – bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Vor der Hinrichtung soll ein Franziskanerbruder versucht, haben, Hatuey zur Konversion zum Christentum zu bewegen. Las Casas überlieferte später die Antwort Hatueys: "Hatuey dachte ein wenig nach und fragte dann, ob Christen in den Himmel kämen. Denn dann wolle er nicht in den Himmel, sondern in die Hölle, nur um derartige grausame Menschen nicht sehen zu müssen."

Mehr als 500 Jahre nach der Conquista hat Papst Franziskus ausgerechnet San Cristóbal de Las Casas besucht, diesen so indigen geprägten Teil Mexikos. Im eh schon armen Chiapas gilt noch mehr als im übrigen Mexiko: je weniger hell die Haut eines Menschen, desto weniger Teilhabe und Würde hat er zu erwarten. Arm ist er sowieso.

Als erster Papst bat er ausgerechnet in der Stadt, die sich immer wieder gegen die Obrigkeit auflehnte, um Vergebung für die Vergehen der Kirche – und seine spanischsprachige Predigt wurde in die indigenen Sprachen übersetzt. Eine Entschuldigung, doch noch lange keine Entschädigung.

Volksreligion vermischt sich mit Christentum

In zwei Jahren jährt sich 2020 die Eroberung der damaligen Azteken-Hauptstadt Tenochtitlán durch die Spanier. López Obrador, Mexikos Präsident, hat erst vor wenigen Wochen Briefe an Papst Franziskus und den spanischen König Felipe VI. gesendet und dargelegt, dass die spanischen Eroberer ihre Kirchen auf die Tempel der Ureinwohner bauten – indirekt steht nicht nur Gedenken, sondern vor allem Sühne durch Reparationszahlungen im Raum. Die spanische Regierung lehnt eine Entschuldigung ab, die Ankunft der Spanier vor 500 Jahren könne heute nicht hinreichend rechtlich beurteilt werden, argumentiert die Regierung.

Im Inneren der Kirche stehen keine Bänke, auf dem Boden liegen Pinienzweige, unzählige Kerzen brennen, die Menschen laufen herum und reden miteinander. © Ulrike Löw


Eine Armada an Heiligenfiguren steht in Glaskästen im Kirchenschiff bereit, eine Frau in blauer Tracht legt eine Flasche Posh (Zuckerrohrschnaps als Opfergabe ab, eine andere streichelt ihr Huhn. Volksreligion vermischt mit Christentum. Die Menschen wollen Christ und Indigener sein. Seit 2008 unterstützt sie die Beratungsstelle für indigene Völker des Ökumenischen Rats der Kirchen in Genf bei der Schaffung einer indigenen Theologie.

"Bis heute vertrauen sich viele Chamulas bei Krankheiten den Kräften der Kirchenrituale und der Schamanen an, viele weigern sich, Krankenhäuser aufzusuchen", sagt Cesar. "Sicher mutet uns das seltsam an", sagt er. Aber er will "christlich" nicht mehr mit "westlich" und "überlegen" in Verbindung gebracht wissen, wenn überhaupt wird ein Jesus angenommen, dessen Angebot nicht ausschloss, sondern alle einbezog. [/8]Überhaupt müsse man immer erst die Hintergründe kennen, bevor man wertet, sagt Cesar. In der Kirche wird gerne Cola getrunken, weil jene, die rülpsen, erleichtert seien – so entweichen [/8]die bösen Geister aus dem Körper.

Mehr Informationen:
Das mexikanische Büro für Fremdenverkehr sorgt für den Überblick:
www.visitmexico.com/de
Anreise:
Wenn möglich, Direktflug buchen. Wer in den USA zwischenlandet, muss
eine Einreisegenehmigung für die USA einholen.
Vor Ort:
Busfahrten in Mexiko sind günstig, zuverlässig und sehr sicher. Wer individuell mit dem Mietwagen reist, riskiert Überfälle.
Schön wohnen:
www.hotelparadormargarita.mx
Beste Reisezeit:
Trockenzeit: Dezember bis April. 

Ulrike Löw

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