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Auf Kuba lohnt sich ein Blick hinter die schöne Fassade

Wer das Land richtig kennenlernen möchte, sollte unbedingt die Touristenpfade verlassen - 23.03.2019 08:00 Uhr

Wer nach Havanna reist, bekommt romantische Blicke wie diesen auf Cienfuegos oft. © Ute Möller


Juan Carlos ist so etwas wie der ungekrönte König von Havanna. Sein Thron hat vier Räder, ein elegantes Lenkrad und zwei Rosenkränze am Rückspiegel. Der 25-Jährige streichelt lächelnd über den roten Lack seines Ford Edsel, der unter der kubanischen Sonne strahlt wie ein pralles Lutschbonbon. Seine Wirkung ist magisch: 80 Euro die Stunde zahlen Touristen dafür, sich auf den weiß-roten Ledersitzen des Oldtimers über Havannas berühmte Hafenstraße, den Maleçon, schaukeln zu lassen.

Es geht vorbei am Hotel Naçional von 1930, in dem Frank Sinatra für die Camorra sang und in dem bis heute jeder die Geschichte des Hauses förmlich spürt, wenn er sich in die glatt gezogenen Laken kuschelt.

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Kuba: Karibische Insel voller Widersprüche

Havanna ist eine Stadt der Gegensätze. Im bereits restaurierten Teil erfüllt die Stadt alle Klischees, doch nur ein paar Schritte weiter steht man mitten drin im Alltag der Kubaner. Hier finden sich an den Wänden Che Guevara-Porträts neben sozialkritischen Graffiti, springen Schulkinder über Pfützen und bröckeln die Fassaden.


Ein Lehrer verdient auf Kuba rund 40 Euro im Monat, ein Arzt 250. Juan Carlos will nicht sagen, was der Edsel abwirft, er zahle monatlich aber 400 Euro an Steuern. Was auf zumindest zufriedenstellende Einnahmen aus dem Taxigeschäft schließen lässt. Der kubanische Staat kassiert gern mit, wenn er private Geschäfte blühen lässt. Davon können auch Hotelketten, von denen immer mehr auf Kuba investieren, ein Lied singen.

2000 Gebäude in der Altstadt warten auf Sanierung

Juan Carlos hat den Edsel von seinem Vater geerbt. Von diesem Modell hat Ford ab 1957 nur wenige Exemplare gebaut, weil das Design mit dem vulvaförmigen Kühlergrill bei der Kundschaft durchfiel. Dafür wurden umso mehr nach Kuba verkauft. Mehrfach neu lackiert und repariert, gehört das Auto nun zum nicht mehr wegzudenkenden beweglichen Inventar einer geteilten Stadt.

La Habana Vieja, die Altstadt, ist seit 1982 Unesco-Weltkulturerbe. Flaniert man über die Plaza Vieja, durch die pittoreske Calle Teniente Rey, über den Fanziskanerplatz mit seinen schönen Innenhöfen und Galerien, fühlt man sich gut aufgehoben zwischen den hübsch hergerichteten Fassaden. Hier ist Kuba solide touristisch wie eine kleine italienische Stadt. In den Nebengassen aber sieht der Reisende, dass gut 2000 Gebäude allein in der Altstadt Havannas noch auf ihre Sanierung warten.

Internationale Ketten wie H&M oder Zara sucht man in der Stadt vergebens. Sie waren kurz da, nachdem US-Präsident Barack Obama die Blockadepolitik gegen Kuba gelockert hatte. Als Donald Trump seinen Landsleuten Urlaub auf der kommunistischen Insel madig machte, sperrten sie wieder zu. Es ist für Kuba schwer, Firmen aus dem Ausland anzulocken. Die Blockadepolitik der Amerikaner – hier ist sie noch spürbar. Wer nur eine Seitenstraße vom sanierten Havanna abweicht, steht in Gassen mit ungeteerten Straßen, in denen sich das Wasser des plötzlichen Regens in Lachen sammelt und Kinder in Schuluniform herumspringen.

Lebensmittelkarten für alle

Alejandro, der alte Mann mit dem weißgrauen Haar, der tiefbraunen Haut und dem strahlenden Lächeln, steht mit Freunden vor einem Haus, von dem nur noch das Erdgeschoss ein Innenleben hat, darüber stehen die morschen Fassaden. Er helfe mit bei der Sanierung, erzählt Alejandro in fließendem Deutsch. Die Sprache spricht er, weil er mal ein paar Monate in der DDR gearbeitet hat. Die Wohnungssituation in Havanna sei eine Katastrophe, viele Menschen lebten auf der Straße. Nicht, weil sie keine Wohnung haben, sondern weil sie fürchten, dass das Haus über ihnen zusammenstürzen könnte.

Ein Straßenhändler bietet Obst an - davon ist auf der eigentlich recht fruchtbaren Insel übrigens wenig zu bekommen. Auf dem Speiseplan stehen vor allem Schweinefleisch und schwarze Bohnen. © Ute Möller


Ein paar Schritte weiter verkauft ein Händler von einem Holzkarren ein paar Tomaten und Bananen, in einer Metzgerei tummeln sich Katzen unter einem Schweinskopf, die Regale bieten wenig Auswahl. In einer Bäckerei gibt es zweierlei Brot und weniges, aber sehr leckeres Gebäck. Das Leben ist bescheiden, "aber Reis, schwarze Bohnen, Hühnchen und Schweinefleisch gibt es immer", sagt Alejandro. Jedem stehen Lebensmittelkarten zu – vor dem Fall des eisernen Vorhangs standen 25 verschiedene Produkte darauf, heute sind es hauptsächlich noch: Reis, Speiseöl, Kaffee, importiertes Hühnchen, schwarze Bohnen.

Graffiti mit rätselhafter Signatur 

Es lohnt sich, in den unsanierten Gassen auf Graffiti zu achten. Neben den obligatorischen Konterfeis von Che und Fidel finden sich inzwischen auch graue Wesen mit tristen Mienen, durchzogen von senkrechten Strichen, als wären es Gitterstäbe. Oder Gesichter mit großen Ohren, und immer wieder die rätselhafte Signatur "2+2 = 5". Dahinter verbirgt sich ein regimekritischer Straßenkünstler, der unerkannt bleiben möchte. Denn Unmut über die politischen Verhältnisse zu äußern, seit nicht ratsam, sagt ein Künstler, der in der großen Markthalle am Hafen, die täglich viele Touristen besuchen, einen Stand betreibt. "Die Begeisterung über den Sozialismus ist eine Maske", davon ist der Maler überzeugt.

Vor allem abends, wenn viele am Maleçon sitzen oder auf dem Paseo del Prado, der Flaniermeile in der Altstadt, führe die Polizei Personenkontrollen durch. Er sei schon öfter für eine Stunde verhaftet worden, weil er sich nicht ausweisen konnte. "Und das Internet ist für viele Kubaner immer noch nicht zugänglich, wovor hat die Regierung eigentlich Angst?"

Kunststudio mit freiem Internet

Eine Fahrt in Havannas lebendigen und sehenswerten Stadtteil Romerillo zeigt, wie dank der Initiative eines Einzelnen Bewegung in das starre kommunistische Alltagsgefüge kommen kann. Der Künstler Kcho alias Alexis Leyva Machado eröffnete hier 2014 in Anwesenheit von Fidel Castro sein Kunststudio. Es steht jedem offen und bietet freies Internet. Kcho ist ein sozialer und international erfolgreicher Künstler, sogar das Museum of Modern Art in New York zeigt seine Werke. Das schützt ihn vor staatlichen Repressionen.

Als Obama das Embargo lockerte, baute Kcho vor sein Studio eine Mauer mit großem Durchgang. Die Ziegel haben die Form von Booten. Kcho liebt das Motiv, flüchteten doch viele Kubaner über das Meer in die USA. Aber nicht alle schafften es, dort heil anzukommen. Er erinnert damit an die bitteren Widersprüche im kommunistischen Kuba.

Mehr Informationen:

FTI Touristik: www.fti.de

Anreise: Direktflüge etwa von München, Frankfurt oder Düsseldorf nach Havanna, unter anderem mit Eurowings im Auftrag von FTI — ab März 2019 ein Mal wöchentlich auch Nonstop ab München nach Santa Clara.

Günstig wohnen: Hotel Nacional: www.hotelnacionaldecuba.com

Luxuriös wohnen: Iberostar Grand Hotel Packard: www.iberostargrandpackard.com

Beste Reisezeit: Kuba ist ein Ganzjahresziel. Von November bis April ist Trockenzeit mit geringer Luftfeuchtigkeit.

Ute Möller E-Mail

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