Mittwoch, 23.10.2019

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"Zwischen den Zeilen": Die Intellektuellen in der Krise

Olivier Assayas’ Beziehungskomödie "Zwischen den Zeilen" stellt leichthändig ernste Fragen - 06.06.2019 08:30 Uhr

Haben eine heimliche Affäre: Verlegergattin Selena (Juliette Binoche) und der Autor Léonard (Vincent Macaigne). © Alamode


Auch die Verkaufszahlen sprechen dagegen. Der letzte Roman sei ein "Worstseller" gewesen, erklärt Alain im Bistro seinem Gegenüber. Und überhaupt sei die Branche angesichts der Digitalisierung in einem radikalen Wandel. Léonard kapiert nicht, was der Verleger ihm sagen will und fragt beim Abschied, wann denn sein Buch erscheine. "Nein, ich werde es nicht herausbringen", sagt Alain, "ich dachte, das hättest du verstanden."

In Olivier Assayas’ Film "Zwischen den Zeilen" wird viel geredet über das angeblich aus der Mode gekommene Büchermachen, über Blogs, die weit mehr Leser finden, über Algorithmen anstelle von Kritikermeinungen, über Apps, mit denen man jeden Text aufs Smartphone laden kann.

Klingt nicht gerade nach spannendem Kinostoff, doch Assayas ist in Wahrheit viel mehr an seinen Figuren interessiert, wie sie – alle nicht der Generation Facebook zugehörig – auf die Veränderungen um sich herum reagieren, auf den Wandel der Welt durch die Digitalisierung, aber auch auf die analogen Herausforderungen im Privaten.

Léonard scheint mit seinen heimlichen Affären bisher leichtes Spiel gehabt zu haben. Seit einigen Jahren ist Alains Ehefrau, die Schauspielerin Selena, die ihre Rolle in einer Polizeiserie satt hat, seine Geliebte (derzeit viel gefragt und auch hier perfekt besetzt: Juliette Binoche). Dass Léonard seinem Leben ziemlich hilflos gegenübersteht, offenbart sich in einigen der witzigsten Szenen des Films. Zuhause neben seiner Frau Valérie (Nora Hamzawi), die sich voller Tatkraft für einen aufsteigenden sozialistischen Politiker engagiert, ist er ein bärtiger Schluffi.

Als er bei einer Lesung gefragt wird, was er von der heftigen Kontroverse hält, die sein jüngstes Buch im Internet ausgelöst hat, muss er passen, weil er die digitale Revolution verschlafen hat. Und als er in einem Radiointerview Michael Hanekes Film "Das weiße Band" zusammenfassen soll, bei dem er laut seinem Buch eine Fellatio im Kino genossen habe, ist das für Léonard eine hochnotpeinliche Situation. Tatsächlich hatte er mit seiner Geliebten "Star Wars – Das Erwachen der Macht" angeschaut, aber Haneke passt eben besser zu einem Intellektuellen.

Der smarte Verleger Alain sorgt sich derweil um die digitale Zukunft seines Hauses und engagiert dafür die junge Laure (Christa Théret), mit der er alsbald im Bett landet und von der er sich ebenso bald wieder verabschiedet. Denn Alain ist in seinem Herzen ein Büchermensch geblieben, der dem neuen Kurs misstraut.

Mit schöner Leichtigkeit verbindet Assayas die amourösen Verwicklungen und die gesellschaftlichen Diskurse zu einem Sittenbild des Literaturbetriebs – realitätsgetreu etwas upperclass, aber sehr glaubhaft. Im Gewand einer Beziehungskomödie stellt sein Film ernste Fragen an die Umbrüche in der Welt und im eigenen Leben. Eric Rohmer, Meister dieses Fachs, sei dabei sein "Leitstern" gewesen, hat Assayas bekannt. Das sieht man "Zwischen den Zeilen" im besten Sinne an. (F/107 Min.)

Regina Urban

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