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Rache oder Vergebung? Das schönste Paar im Kino

Sven Taddicken erzählt einfühlsam von den Folgen einer Vergewaltigung - 02.05.2019 19:21 Uhr

Luise Heyer und Maximilian Brückner sind das titelgebende „schönste Paar“, dessen Leben durch ein Gewaltverbrechen erschüttert wird.


Malte und Liv sind nicht nur ein schönes, sondern auch ein sichtlich glückliches Paar. "Und wenn uns jemand gesehen hat", fragt Liv leise kichernd, nachdem sie in einer abgelegenen Bucht auf Mallorca Sex hatten. "Soll’n sie doch", sagt Malte. Als die drei Jugendlichen, die sie tatsächlich beobachtet haben, am Abend in ihr Ferienhaus eindringen, ist es jedoch vorbei mit der Unbeschwertheit. Zuerst zwingen sie das Paar, miteinander zu schlafen, dann vergewaltigt der Anführer Liv vor den Augen ihres gefesselten Mannes.

Welche Folgen hat ein solch traumatisches Erlebnis für eine Beziehung? Regisseur Sven Taddicken, der auch das Drehbuch schrieb, spürt dieser Frage in "Das schönste Paar" mit großer Behutsamkeit nach und hat in Luise Heyer und Maximilian Brückner zwei wunderbare Hauptdarsteller, die ihre widerstreitenden Gefühle mit einem Höchstmaß an Sensibilität verkörpern.

Nach dem brutalen Szenario des Beginns spult der Film zwei Jahre weiter. Liv und Malte, die als Lehrer an derselben Schule arbeiten, scheinen nach einer Therapie in ein normales Leben zurückgefunden zu haben. Wie innig sie sich verbunden sind, zeigt eine flüchtige Szene auf dem Schulflur: Im Vorbeilaufen greifen sie kurz nach ihren Händen, drehen sich mit einem Lächeln noch einmal zueinander um.

Vergangenheit holt ihn mit aller Wucht ein

Dass es nachts im Bett beim Kuscheln bleibt, ist spürbar noch eine Folge der Vergewaltigung. Viel wichtiger ist beiden die liebevolle Vertrautheit und das Verständnis füreinander. Doch als Malte in einem Imbiss unverhofft den Täter (Leonard Kunz) und seine Freundin (Jasna Fritzi Bauer) sieht, holt ihn das Vergangene mit aller Wucht ein. Er geht den beiden nach, verliert sie in der abfahrenden S-Bahn, wartet tagelang auf dem Bahnsteig, bis der Vergewaltiger wieder auftaucht und Malte ihm zu seiner Wohnung am Stadtrand folgt. Bereits die erste Konfrontation endet in einer blutigen Prügelei. Malte sinnt auf Rache, doch er weiß selbst nicht genau, was er tun soll.

Zumal Liv, der er erst Tage später von der Begegnung zu erzählen wagt, abwehrend reagiert. Sie will endlich vergessen und die Wunden nicht neu aufreißen. Obwohl Malte ihre Gefühle respektiert, kann er es nicht ertragen, dass der Täter frei herumläuft. Da die Polizei keine Hilfe ist, handelt er auf eigene Faust und setzt einen Prozess in Gang, der eine gefährliche Eigendynamik entwickelt.

Liv und Malte und ihr gegensätzlicher Umgang mit dem Geschehenen – wobei beide Varianten absolut nachvollziehbar dargestellt werden – stehen im Zentrum des Films, der abseits großer Action eine enorme Spannung entfaltet. Hoch anzurechnen ist Taddicken zudem, dass er sich im letzten Drittel auch dem Täter und seiner Freundin zuwendet, ohne das Verbrechen jemals zu relativieren. Vor allem Jasna Fritzi Bauer hat da einen ganz starken Auftritt.

Was aus der Liebe von Liv und Malte wird? Man wünscht ihnen dringend ein Happyend, doch bleibt offen, ob das überhaupt noch möglich ist. (D/F/95 Min.) 

Regina Urban

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