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Happy End? Margreitters Club sucht die Lockerheit

Der Abwehrchef des FCN spricht über Druck, Ergebnisse und den Abstiegskampf - 11.01.2019 05:50 Uhr

Sein Wort hat Gewicht beim 1. FC Nürnberg: Abwehrchef Georg Margreitter (rechts, hier im Gespräch mit Tim Leibold) sieht das Liga-Schlusslicht keineswegs chancenlos im Abstiegskampf. © Sportfoto Zink / DaMa


NZ: Herr Margreitter, Sie haben vor der Saison in einem Interview gesagt, dass Sie selbst gespannt seien, wie Sie sich in der Bundesliga schlagen würden. Wie haben Sie sich denn bislang so  geschlagen?

Georg Margreitter: Es ist das erwartet hohe Niveau. Persönlich gesehen bin ich gut in die Saison gestartet, habe dann aber auch im Kollektiv mit der Mannschaft etwas nachgelassen. Das war so ein Trend, der sich leider abgezeichnet hat, dass wir die Sicherheit und Lockerheit vom Saisonbeginn verloren haben. Und was die Punkteausbeute betrifft, haben wir uns die Vorrunde natürlich etwas anders vorgestellt. Trotzdem waren für mich auch viele Highlights und erfreuliche Erlebnisse dabei.

 

NZ: Trainer Michael Köllner ließ, auch verletzungsbedingt, viel rotieren. Die Innenverteidigung mit Ihnen und Lukas Mühl war über alle 17 Vorrundenspiele die einzige Konstante im Team. Trotzdem hat der Club die meisten Gegentore der Liga kassiert. Ist die Abwehr demnach die größte Baustelle?

"Da war vielleicht auch die Herangehensweise zu naiv"  

Margreitter: Es mag abgedroschen klingen, aber es ist so: Defensive und Offensive stehen und fallen mit elf Mann. Der Innenverteidiger muss das Spiel aufbauen, um vorne Chancen zu kreieren, der Stürmer muss verteidigen, um hinten zu entlasten. Man muss das schon gesamtheitlich betrachten. Bei uns ist vor allem der mentale Faktor in der Hinrunde zum Tragen gekommen, es war eine gewisse Niedergeschlagenheit zu spüren. Wir haben auswärts ein paar bittere hohe Pleiten kassiert, da war vielleicht auch die Herangehensweise zu naiv.

Wenn man so etwas über Wochen mit sich herumschleppt, ist es schwer, dieser Negativspirale wieder zu entkommen. Deshalb glaube ich, dass die Winterpause genau zur rechten Zeit gekommen ist, um irgendwie den Reset-Button zu drücken. Jetzt sind wir Tabellenletzter, vielleicht werden wir noch mehr unterschätzt als in der Hinrunde und können aus dieser Position heraus für die eine oder andere Überraschung sorgen. 

 NZ: Sie waren nach den Ausfällen von Ewerton, Enrico Valentini oder Hanno Behrens phasenweise der letzte verbliebene Führungsspieler auf dem Platz. Wie sehr hat dieses Vakuum zur Abwärtsspirale beigetragen?

Margreitter: Wir haben nicht diese Breite im Kader, um den Ausfall von erfahrenen Spielern kompensieren zu können. Auch der Ausfall von Edu Löwen hat uns sehr wehgetan, Christian Mathenia, Mikael Ishak - das sind schon ein paar Stützen, die da zeitweise weggebrochen sind. Wenn dann 19-, 20-jährige Jungs, die kaum Profierfahrung haben, plötzlich auf höchstem Niveau spielen müssen, darf man nicht erwarten, dass man in Dortmund, Leipzig oder München dominant auftritt.

"Die wehren sich mit den legitimen Waffen eines Aufsteigers" 

NZ: Die Mannschaft wirkt allgemein sehr brav, auch hier im Training scheint alles immer sehr harmonisch abzulaufen. Fehlt dem Club jemand, der auch einmal Zeichen setzt, resolut dazwischenhaut und verbal aufrüttelt?

Margreitter: In den Spielen ist mir das auch oft zu brav und naiv, das haben wir auch offen angesprochen. Nehmen wir als Beispiel Fortuna Düsseldorf - die wehren sich mit den legitimen Waffen eines Aufsteigers. Man kann Borussia Dortmund nicht einfach mit spielerischen Mitteln bezwingen, das ist für einen Aufsteiger völlig unmöglich. Da muss man andere Tugenden in die Waagschale werfen, und das haben wir in einigen Spielen versäumt.

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Andererseits glaube ich, dass der Kader auch bewusst so zusammengestellt worden ist. Letztes Jahr war die Harmonie ja unsere große Stärke. Die Kommunikation auf dem Platz war für meinen Geschmack auch verbesserungswürdig. Aber es bringt ja nichts, einfach nur herumzubrüllen. Klare Kommandos sind unerlässlich, sie sollten aber einen Inhalt haben und konstruktiv sein. Auch die Körpersprache ist extrem wichtig, damit signalisierst du dem Gegner, dass du dich nicht aufgegeben hast.

Rot-Schwarze Reflektion 

NZ: Der Trainer hat in den letzten Tagen gerade seine Stammkräfte wie Valentini, Ishak oder auch Sie ungewohnt deutlich kritisiert. Was glauben Sie, was er damit bezweckt?

Margreitter: Ich lese keine Zeitung und muss ganz ehrlich sagen, dass ich das bisher gar nicht so wahrgenommen habe. Mit mir hat der Trainer jedenfalls nicht darüber geredet. Aber ich bin 30 Jahre alt und Innenverteidiger, und ich weiß, wie viele Tore wir in der Hinrunde kassiert haben und dass es meinem Berufsstand geschuldet ist, dass ich beim einen oder anderen dabei gewesen sein muss. Ich bin reflektiert und kritisch genug, um zu wissen, was ich besser machen kann und sollte.

NZ: Sie haben in einem Interview mit dem "kicker" von einer "hemmenden Ehrfurcht" gesprochen, die die Mannschaft befallen habe. Nicht selten war es aber vielmehr ein naives ins Verderben rennen. Muss man als Aufsteiger in seiner Spielweise nicht einfach pragmatischer, ergebnisorientierter werden?

Margreitter: Es war zuerst das naive ins Messer laufen, danach ist es gekippt in die Ehrfurcht - bloß nicht wieder so hoch verlieren, ja nichts falsch machen. So kann man keine Punkte holen. Man muss da irgendwie die richtige Mischung finden, Stichwort: kontrollierte Offensive. Für uns ist es das Wichtigste, als Mannschaft kompakt zu stehen und wenig zuzulassen. Ich finde, für einen Aufsteiger ist es ein legitimes Mittel, ein bisschen abwartender und destruktiver zu spielen.

NZ: Das erste Testspiel gegen Zwolle war eher holprig, potenzielle Verstärkungen sind auch noch nicht in Sicht. Was macht derzeit dennoch Hoffnung auf eine bessere Rückrunde?

Margreitter: Das Schlagwort ist für mich Realismus. Man muss einfach sehen, welche Möglichkeiten wir mit unserem Kader haben. Der selbst auferlegte Druck, unbedingt gewinnen zu müssen - das hat uns bis jetzt immer gehemmt. Die Heimspiele gegen Stuttgart, Wolfsburg oder Freiburg, also vermeintlich schlagbare Gegner, haben wir alle verloren. Uns fehlt da eher ein Quäntchen Lockerheit.

"Sie wollen sehen, das wir uns den Arsch aufreißen" 

Für eine junge, unerfahrene Mannschaft ist es kontraproduktiv, alles immer gleich zu Finalspielen hochzustilisieren und dann von einer Enttäuschung in die nächste zu huschen. Die Ultras haben das nach dem 0:1 gegen Freiburg sehr gut und konkret auf den Punkt gebracht: Sie wollen sehen, dass wir uns den Arsch aufreißen und alles reinhauen. Wenn es dann am Ende nicht reicht, kann uns keiner einen Vorwurf machen – auch wir uns selbst nicht. Wir müssen einfach wieder mehr Freude und Dankbarkeit empfinden, auf diesem Niveau spielen zu dürfen. Ich betrachte die Bundesliga nach wie vor als Privileg, da brauche ich auch keine Extramotivation.

"Es ist bis jetzt die beste Zeit meiner Karriere"

NZ: Auch wenn die Hoffnung bekanntlich und natürlich zuletzt stirbt, wäre es vom Verein fahrlässig, nicht schon zweigleisig zu planen. Könnte der Club auch in der zweiten Liga wieder mit Ihnen rechnen?

Margreitter: Auf jeden Fall, das ist für mich gar keine Frage. Ich habe hier noch einen langfristigen Vertrag (bis 2021, Anm. d. Red.), war mit dem Club schon in der zweiten Liga und würde auch wieder mit runtergehen. Aber daran denke ich jetzt noch nicht. Ich habe noch ein halbes Jahr auf Top-Niveau vor mir und möchte auch danach noch Bundesliga spielen. Ich war noch bei keinem Verein so lange wie beim 1. FC Nürnberg, habe hier in dreieinhalb Jahre fast alles an Höhen und Tiefen miterlebt. Es ist bis jetzt die beste Zeit meiner Karriere, keine Frage.

NZ: In Ihrer Vorarlberger Heimat herrscht gerade ein regelrechtes Schneechaos. Haben Sie vielleicht ein bisschen Sehnsucht nach der weißen Pracht oder genießen Sie lieber noch ein wenig die warme spanische Sonne?

Margreitter: Das Vitamin D tut dem Körper und der Seele in dieser Jahreszeit schon sehr gut. Die Bedingungen hier in Benahavis sind wirklich absolut top. Schnee ist natürlich auch schön, aber wenn er dann in dieser Intensität und Menge kommt, sind sogar wir Österreicher ein bisschen überfordert.

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Fragen: Uli Digmayer

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