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Projekt #MeinGoho: "Gostenhof ist Inspiration pur"

Es sind die Gegensätze, die den Stadtteil so interessant machen - 03.11.2018 05:44 Uhr

Gostenhof, das ist auch immer wieder Überraschung hinter mancher Ecke oder in zahlreichen Hinterhöfen - wie hier mit dem Graffiti bei der Datev. © Andreas Franke


In dem crossmedialen Projekt #MeinGoho befassen sich die Nürnberger Nachrichten und nordbayern.de in den nächsten Wochen in Print, Online und Filmen sowie bei Veranstaltungen intensiv mit dem Stadtteil. Dies ist der Auftakt mit einer Serie im Lokalteil.

"Gostenhof ist bunt und vielfältig", sagt Heinz-Claude Aemmer. "Ein Mix aus Kulturen. Hier wohnen Alt und Jung, Religiöse oder Nichtreligiöse aller Couleur, Menschen ohne viel Einkommen und solche, die was haben, nebeneinander." Der Erste Vorsitzende des Bürgervereins Gostenhof-Kleinweidenmühle-Muggenhof und Doos verschweigt nicht, dass es auch hier Konflikte und Spannungen gibt. Aber er hebt hervor: "Hier gelten verschiedenste politische Ansichten. Das Geschlecht und die sexuelle Orientierung werden akzeptiert."

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Ein Viertel im Wandel: Gostenhof bevor es GoHo wurde

Es ist noch gar nicht so lange her, da war das coole Szeneviertel Gostenhof nicht mehr als ein Dorf. Dann galt es lange als das "Glasscherbenviertel" Nürnbergs. Unsere Bildergalerie zeigt, wie es in Gostenhof aussah, bevor es hip wurde, dort zu wohnen.


Es ist diese Vielschichtigkeit, die den Reiz Gostenhofs ausmacht. Es ist die starke Identifikation mit dem Stadtteil. Und es sind die Gegensätze, die das Viertel so anziehend machen.

An der einen Seite des Jamnitzerplatzes haben sich die Autonomen mit der "Schwarzen Katze" ihr Stadtteilzentrum eingerichtet. Von hier aus machen sie mobil gegen die Ungerechtigkeiten in der Welt, aber auch gegen eine vermeintliche Gentrifizierung Gostenhofs und objektiv rasant steigende Mieten.

Wer vor ein paar Jahren in eines der neuen Stadthäuser am Rande des Platzes gezogen ist, wird als neureich angefeindet. Dabei sind es nicht selten alteingesessene Gostenhofer, die sich ihren Wunsch nach Eigentum im Quartier - etwa auf Brachflächen oder alten Industriestandorten - verwirklicht haben. Irgendwann geben die Besitzer es auf, die Farbbeutelflecken von den Hauswänden zu entfernen. Die Außenwände in der Mittleren Kanalstraße gehören nun zu der Vielzahl von Fassaden mit politischen Parolen gegen das Kapital, zu hohe Mieten und niedrige Löhne.

Zu einem echten Publikumsmagneten haben sich in Gostenhof, wie hier rund um den Jamnitzerpark, die Hinterhofflohmärkte entwickelt. Wenn die Tische aufgebaut werden, kommen die Besucher aus ganz Nürnberg und darüber hinaus. © Stefan Hippel


Auf der anderen Seite des Jamnitzerparks kehren betuchtere Gäste aus ganz Nürnberg und der Metropolregion im Restaurant "Koch und Kellner" ein. Das können sich viele Gostenhofer nicht leisten. Denn hier ist der Anteil derer, die ein Armutsrisiko tragen, größer als in vielen anderen Stadtteilen Nürnbergs. Hier gibt es anteilig mehr sozialgebundene Wohnungen als in anderen Quartieren und weniger höhere Schulabschlüsse.

Steigende Mieten, das bestätigt Heinz-Claude Aemmer, bereiten vielen Bewohnern gerade älterer Häuser Sorgen. In kaum einem Stadtteil ist der Anteil von Gebäuden aus der Zeit vor 1918 größer. Die vielen Gründerzeitgebäude, von denen ganze Züge unter Ensembleschutz stehen, sind nicht groß zerstört worden im Zweiten Weltkrieg. Nur sind eben viele Gebäude auch sanierungsbedürftig. Trotz der umfangreichen Stadtteilsanierungen in den 1980er und 90er Jahren.

Die 49-jährige Grafikdesignerin Inge Klier betreibt seit elf Jahren in Gostenhof ihren Textil-Laden „bambiboom“. In dem Stadtteil lebt die Oberpfälzerin mit ihrer Familie schon seit einem Vierteljahrhundert. Und fühlt sich hier sehr wohl. In Gostenhof findet sie die Inspiration für ihre Arbeit. © Michael Matejka


"Wenn Häuser für sehr viel Geld verkauft werden und die Mieterinnen und Mieter, die schon seit Jahrzehnten dort wohnen, die ständig steigenden Mieten nicht mehr zahlen können, dann geht es ums Existenzielle", mahnt der Vorsitzende des Bürgervereins. Er wünscht sich daher eine "mutige Stadtverwaltung, die zum Beispiel ihr Vorkaufsrecht bei Immobilienverkäufen nutzt".

"Das ist mein Dorf"

So wie in den 1980er Jahren. Da sollten alte Häuser luxussaniert werden. "Die Stadt nutzte ihr Vorkaufsrecht", erinnert sich Heinke Keblawi, die 32 Jahre lang den Aktivspielplatz betreut hat und das Quartier und die Menschen so gut kennt wie wenige. Sie profitierte wie andere Mieter von dem Modell. In viel Eigenregie und durch günstige Zinsen nahmen sie die Sanierung des Hauses selbst in die Hand. Sie ist dem Stadtteil treu geblieben. "Das ist mein Dorf", sagt sie. Man kennt sich, trifft sich in einer der vielen Kneipen, Gaststätten mit Biergärten, Bars, Restaurants oder auch Läden, für die Gostenhof im Großraum Nürnberg so bekannt ist.
Der Stadtteil ist eben auch Heimat für viele Studenten, Künstler, Kreative und Selbstständige. "Ja, Gostenhof ist im Wandel", bestätigt Asuman Emlek. Doch sie sieht das positiv. "Die Mischung ist in den letzten Jahren besser geworden", sagt die stellvertretende Leiterin der Sparkassen-Filiale an der Fürther Straße. Deswegen könne hier dennoch immer noch jeder so sein, wie er wolle.

"Gostenhof ist für mich eine lebensfrohe Nachbarschaft", betont die 24-jährige Milena Dürbeck bei einer Umfrage unserer Zeitung. Markus Hormeß (46) sagt überzeugt: "Gostenhof ist für mich Innovation." Die Grafikdesignerin Inge Klier hat ihr Geschäft "bambiboom" vor elf Jahren im Viertel eröffnet. Ihre individuellen Shirts und Kleider sind gefragt. Gostenhof ist für sie "Inspiration pur", das Lebensgefühl sei "dörflich".

Gostenhofs Geschichte beginnt in der Tat als Straßendorf um den Hof der Gosts, ein slawischer Familienname. Erste urkundliche Erwähnung: 1311. Der Ursprung vor den Toren Nürnbergs war dort, wo heute die Gostenhofer Hauptstraße ist. Eingemeindet wird Gostenhof erst 1825. Mit der Eisenbahn 1835 entlang der Fürther Straße gewinnt der Stadtteil enorm an Bedeutung. Mit der Industrialisierung und der Ansiedlung zahlreicher Firmen (vor allem Hopfenhandel und Spielzeug) nimmt die wirtschaftliche Entwicklung an Fahrt auf.

Wichtiger Wirtschaftsstandort

Bis heute ist Gostenhof wichtiger Wirtschaftsstandort. Die Datev ist in dem Quartier ebenso beheimatet wie die N-Ergie. Beide sind, wie die Sparkasse, Projektpartner von #MeinGoho. Auch kleine Fahrradläden, Schuhmacher, Landschaftsarchitekten, Gastrohandel oder Unternehmen wie Brezen Kolb sind in Gostenhof beheimatet. Stefan Stretz hat hier seine Brauerei "Schanzenbräu" gegründet.

Viele Bewohner nehmen Anteil am Geschehen in Gostenhof. "Hier wird sich eingemischt, wenn Parks und Gärten verändert werden sollen", erläutert Aemmer. Viel Grün gibt es nicht in dem stark verdichteten, 52 Hektar großen Stadtteil. Gerade läuft die Bürgerbeteiligung für die Aufwertung des Jamnitzerplatzes. Die Veit-Stoß-Anlage hat dies schon hinter sich.

Unternehmer Alexander Brochier, der philanthropische Stadtteilpate von Gostenhof, vertraute dem "GoHo-Kurier" der örtlichen SPD kürzlich an, dass es ihm "einfach Spaß macht, durch das Viertel zu laufen. Gostenhof hat viele Typen." Er lobt die "allgemein positive Stimmung" in dem Stadtteil.


Das crossmediale Projekt #meingoho porträtiert Gostenhof über viele Bewohner, die ihre Sicht des Stadtteils in dieser Zeitungsserie bis Ende November darstellen. Sie kommen auch in Filmporträts und in einem Magazin zu Wort. Die Filme werden erstmals am 5. Dezember, dann noch einmal am 16. Januar im Kino Rio-Palast in der Fürther Straße 61 gezeigt. Am 5. Dezember erscheint auch das Magazin #meingoho. Bereits jetzt gibt es auf Instagram den Hashtag #meingoho mit Fotos aus Gostenhof, zudem geht dort ein eigener Account meingoho an den Start. Am 24. November findet zudem ein Foto-Walk in GoHo statt.

Auf www.nordbayern.de/meingoho bekommt das Stadtteil-Projekt ab Mitte November auch im Internet einen starken Auftritt. Hier sind später unter anderem die Filmporträts, Instagram-Fotos, Früher-Heute-Bilder oder ein Quiz aus Gostenhof zu sehen. Inge Klier hat ein Gostenhof-T-Shirt für #meingoho entworfen, das es bald in limitierter Auflage zu kaufen gibt. Wie auch einen stylischen Kaffee-Becher. Beteiligte des Projekts sind zudem an zwei „Barfreitagen“ im Dezember und Januar in der „Nordkurve“ in der Rothenburger Straße 51a vertreten. 

Andreas Franke Leiter der Lokalredaktion E-Mail

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