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Gostenhof: Ein Stadtteil mit bewegter Industriegeschichte

Seit Jahrhunderten ein beliebter Standort für Unternehmer - 01.12.2018 06:00 Uhr

Diese Aufnahme aus dem Jahr 1885 zeigt sehr viele Fabrikschlote in Gostenhof. Es ist die Hochzeit der Industrialisierung in Nürnberg. Zu diesem Zeitpunkt fährt bereits die Pferdebahn aus der Gostenhofer Hauptstraße in Richtung Spittlertor. © Stadtarchiv Nürnberg


Die Industrialisierung hat im 19. Jahrhundert den Aufschwung nach Gostenhof gebracht. Doch der wirtschaftliche Erfolg hatte auch seine Schattenseiten. Noch im Jahr 1855 lebten gerade einmal 1711 Einwohner in dem erst wenige Jahrzehnte zuvor eingemeindeten Stadtteil. 1895 war die Bevölkerung bereits auf gut 40.000 Bürger gewachsen, wie aus dem sehr lesenswerten Stadtteilbuch Gostenhof des Vereins "Geschichte für Alle" hervorgeht. Ein enormer Sprung, denn die Menschen mussten erst einmal untergebracht werden.

Der Wohnraum wurde extrem knapp in Gostenhof. Die Wohn- und Lebensverhältnisse verschlechterten sich dramatisch, je mehr arbeitende Bevölkerung zuzog. Oft wohnten und arbeiteten die Menschen unter einem Dach. Die Küche und/oder Wohnstuben wurden häufig für die gewerbliche Heimarbeit genutzt. Dazu gehörten Textilarbeiten wie Bügeln oder Nähen ebenso wie die Zuarbeiten für die Pinselfabriken im Quartier oder das Zinnmalen. Nicht selten hantierten die Bewohner auch mit giftigen Stoffen in den Wohnungen, was alles andere als gut für die Gesundheit war.

Aufschwung dank Freiheit

In einigen Gostenhofer Hinterhöfen scheint noch heute die Zeit stehen geblieben zu sein. Und man kann zumindest erahnen, wo die Bewohner damals gelebt und gearbeitet hatten. Den Startschuss für den Aufschwung des industriellen Handwerks gab 1868 die Gewerbefreiheit. Nur neun Jahre später meldete Johannes Zeltner, der seine Ultramarinfabrik bereits 1838 in Gostenhof errichtet hatte, das erste deutsche Patent: Es ging um ein Verfahren zur Herstellung einer roten Ultramarinfarbe.

Noch viele andere bekannte Namen aus der Nürnberger Wirtschaft lassen sich mit dem Stadtteil verbinden. So hatte hier 1806 die Firma Lyra mit der Bleistiftproduktion ihre Wurzeln. Johann Faber begann 1878 in der Schanzäckerstraße. Die handwerkliche Herstellung von Bleistiften geht bereits bis ins 15. Jahrhundert zurück. Zu der Zeit waren in Gostenhof auch die Goldspinner aktiv oder die Tüncher. Dosen wurden gefertigt oder leonische Drahtarbeiten ausgeführt. Die Bauern- oder die Hirtengasse weisen noch heute auf den bäuerlichen Ursprung Gostenhofs hin.


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Viele jüdische Unternehmen hatten ihren Sitz in Gostenhof. Ihre Schwerpunkte: Spielwaren, Fahrräder und natürlich der Hopfenhandel (beispielsweise Ludwig Gerngros). Noch zu Beginn der 1930er Jahre waren hier 244 Gewerbetreibende, 18 Ärzte und fünf Rechtsanwälte jüdischen Glaubens daheim. Ehe dann die Nazi-Barbarei begann, Firmen übernahm und die Juden ins KZ deportieren ließ.

Eng verbunden – davon zeugen noch einige Gebäude – war der Standort Gostenhof mit der Spielwarenherstellung, allen voran Blechspielzeug. Das wohl bekannteste Unternehmen: Schuco in der Fürther Straße, wo heute der größte Arbeitgeber des Stadtteils, die Datev, untergebracht ist. Dort, wo die Gebrüder Einfalt einst Groschenspielzeug und Zugabeartikel in der Austraße produzierten, führt heute das Gostner Hoftheater seine Stücke auf.

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Gostenhof war einst Zentrum der Zweirad-Industrie mit so klangvollen Namen wie Marschütz, Triumph oder Ardie. Das Quelle-Areal in der Fürther Straßen zeugt von dem rasanten Aufschwung – und dem Niedergang – des Versandunternehmens.

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Ganz andere Ängste löste die erste deutsche Eisenbahn, der Adler, aus. Er startete 1835 zu seiner ersten Fahrt durch Gostenhof. Die Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde weckte die Angst vor gesundheitlichen Folgen der Fahrgäste. Die Eisenbahn nutzte die schnurgerade Trasse zwischen Nürnberg und Fürth, die bereits 1801 angelegt wurde. Die heutige Fürther Straße. Bis in die Gegenwart ist Gostenhof ein starker Eisenbahnstandort, auch wenn der Containerbahnhof, sehr zur Erleichterung der Anwohner, längst in den Hafen verlagert wurde.

Und lange Zeit dominierte auch das Militär im Bereich der Bärenschanzstraße. Die Soldaten waren über Jahrhunderte ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Doch von den militärischen Spuren (Kasernen) ist heute fast nichts mehr zu sehen. 

Andreas Franke Leiter der Lokalredaktion E-Mail

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