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9. November 1968: Die "Mülloper" löst allen Unrat auf

Nürnberg weihte den teuersten Hochbau seit dem Kriegsende ein - 09.11.2018 07:32 Uhr

Müll-Oper heißt das technische Bauwerk im Volksmund, weil es architektonisch gut gelungen ist. Seine volle Schönheit wird es erst offenbaren, wenn die Fassade im nächsten Frühjahr ganz verkleidet sein wird. Schon jetzt paßt es sich gut in das Stadtbild ein. © Ulrich


Das Bauwerk, das wegen seiner ansprechenden Architektur den Spitznamen "Müll-Oper" bekommen hat, kostet 42,9 Millionen Mark und damit ein gutes Drittel mehr als das Aushängeschild Meistersingerhalle.

In die Freude über den bequemen Weg, Müll zu beseitigen, fällt für die Bürger allerdings ein kleiner Wermutstropfen, denn über kurz oder lang müssen sie für diese moderne Einrichtung mehr bezahlen.

Ein Gewirr von Treppen und Trägern stellt die Kesselanlage dar, die ganze Schuttberge verschluckt. Bis zu 24 Meter ragen die Kessel auf, in denen der Müll auf ein Minimum seines ursprünglichen Umfangs zusammenschrumpft. Und auch die Reste lassen sich verkaufen. © Ulrich


Vor vielen Ehrengästen, darunter Abgeordnete des Bundes und des Landes, schilderte Oberbürgermeister Dr. Urschlechter, wie die Stadt auf den "Trichter" gekommen ist, den Müll einer fast 500.000köpfigen Bevölkerung durch den Schornstein fliegen zu lassen. Hatte sie sich bisher damit begnügt, Schuttberg über Schuttberg aufzutürmen, so war sie auf einmal an den Punkt gelangt, an dem es im Bannkreis Nürnbergs kein Plätzchen mehr für den Unrat gab.

Müllverbrennung der beste Weg

Vor die Frage gestellt, ob die Müllwagen große Entfernungen bis zur nächsten ausgehobenen Sandgrube im Wald zurücklegen oder ob Bürger ihre mehr oder weniger kleinen privaten Schuttabladeplätze in den Erholungsgebieten auftun sollen, entschied sich der Stadtrat für eine Müllverbrennungsanlage, die in seinen Augen den besten Weg vom Müll zum Nichts darstellt.

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Mit einem Bauwerk. das sich durchaus sehen lassen kann und in unmittelbarer Nachbarschaft des Gaswerks angenehm auffällt; hofft die Stadt, den Abfällen des Wohlstands Herr zu werden. Generaldirektor Prof. Dr. Joseph lpfelkofer erzählte als Hausherr der Müllverbrennungsanlage, welche Mengen Unrat Nürnberg hervorbringt: waren es 1950 noch 60.000 Tonnen, so stieg diese Zahl bis 1965 schon um mehr als das Doppelte, 131.000 Tonnen. Dieses Gewicht entspricht einem Umfang von 55.000 Kubikmetern, also dem dreifachen Inhalt des großen Gas-Behälters, der sich zu einem neuen Wahrzeichen gemausert hat.

Daß sich der Aufwand von nahezu 43 Millionen Mark gelohnt hat, scheint für die verantwortlichen Männer an der Spitze der Stadt auf der Hand zu liegen. Heute rechnen sie noch mit 260 bis 280 Kilogramm Müll je Einwohner, aber der Tag ist nicht mehr fern, an dem - bei der neuzeitlichen Art der Verpackung - 500 - 650 Kilogramm wie in Amerika anfallen werden. Solche Ziffern machen die Schlußfolgerung möglich, daß 1990 aus den Haushalten und der Industrie 260.000 Tonnen Müll im Jahr aufkommen werden, ein Berg, der den gigantischen Gasbehälter um mehr als das Siebenfache überragt.

In zwei Jahren fertiggestellt

Haben andere Städte es versucht, den Müll zu kompostieren oder zu vergraben, so ging Nürnberg den Weg, möglichst auf kurzem Wege und möglichst geruchlos seinen Unrat loszuwerden. In zwei Jahren entstand ein Bauwerk, das seiner Nachbarschaft eher zum Ruhme als zum Geruch gereicht. Obwohl alle zwei Minuten ein Wagen voll Müll über die Rampe zur "Oper" hinauffährt, dringt kaum etwas von seiner anrüchigen Fracht nach außen.

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In 25 Meter tiefen Bunkern kann bis zu 5400 Kubikmeter Unrat gestapelt werden, der nach und nach bei Temperaturen um die 1000 Grad und darüber sich fast in Nichts auflöst. Bei dieser Prozedur wird der Dampf erzeugt, der in das nahegelegenen Heizkraftwerk an der Volckmannstraße und von dort in das Fernheiznetz oder in Turbinen für die Stromerzeugung geht; selbst noch die letzten Reste lassen sich als Schlacken für den Straßenbau oder als Schrott verkaufen.

Oberbürgermeister Dr. Urschlechter und Generaldirektor Professor Dr. Ipfelkofer eröffneten die "Müll-Oper" mit einem herzlichen "Glückauf". Beide machten allerdings kein Hehl daraus, daß diese, "eine der modernsten Anlagen in der Bundesrepublik" nicht nur der Bevölkerung dienen soll. Sondern von ihr auch bezahlt werden muß. In naher Zukunft dürfen sich die Hausbesitzer darauf gefaßt machen, daß die Gebühren für die Müllabfuhr ansteigen werden. 

W. S.

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