Mittwoch, 14.11.2018

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Der jüdische Friedhof in Erlangen als "Haus des Lebens"

Begräbnisfeld der Erlanger Gemeinde ist spät entstanden, wurde zerstört und wird seit 16 Jahren neu genutzt - 09.11.2018 18:30 Uhr

Das alte Gräberfeld am Gelände-Südrand zeigt historisch wertvolle Grabsteine aus der Geschichte der Erlanger Juden. © Lothar Bayer, Repro: Harald Sippel


Zu einer jüdischen Ansiedlung, so schreibt es Christof Eberstadt, Beauftragter für die Geschichte der alten jüdischen Gemeinde und einer der Buchautoren, gehört von je her als wichtige Einrichtung, neben einem Bethaus oder einer Synagoge und einer Mikwe, der eigene Friedhof. Einer der Gründe für dieses Anliegen ist das im Judentum geltende Gebot, für jeden Toten einen Gedenkstein zu errichten und die Grabstätte auf ewig bestehen zu lassen.

In Baiersdorf beerdigt

Bis Ende des 19. Jahrhunderts aber mussten die Erlanger Juden ihre verstorbenen auf dem Baiersdorfer Friedhof begraben lassen, erst 1891 erhielten sie nach langen Verhandlungen an der Rudelsweiher Straße ein Gelände für einen eigenen Friedhof zugewiesen. Auf diesem wurden bis zum Jahr 1939 die Toten der kleinen jüdischen Gemeinde in Erlangen begraben – ihr prominentester Kopf, der Arzt und Universitäts-Professor Jakob Herz aber ist in Baiersdorf begraben.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde der Friedhof, seiner abgelegen Lage wegen, von den Zerstörungen durch den Erlanger Nazi-Mob noch verschont, ein Jahr später jedoch teilweise zerstört und geschlossen. Der ungenutzte Teil des Friedhofs wurde an eine Erlanger Familie übereignet, die Erlanger Juden wurden deportiert und ermordet. Eine Veranstaltung am Sonntag, 11. November, um 12 Uhr, wird auf dem jüdischen Friedhof der ermordeten Erlanger Juden gedenken.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg und der Rückübereignung des Friedhofsgeländes blieb dieser Friedhof verwaist. Erst nach dem Zuzug von knapp 130 sogenannten "Kontingentflüchtlingen" jüdischen Glaubens aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR in den Jahren 1995 bis 2000 nach Erlangen weihte man den Friedhof neu und nahm den heiligen Ort 2002 mit einer ersten Bestattung wieder in Betrieb.

Die letzten baulichen Veränderungen erhielt der Friedhof mit der Wiederherstellung des Tahara-(Leichen) Hauses sowie der Einweihung eines Dreifach-Denkmals. Dieses gedenkt namentlich sowohl der bei der Erlanger Euthanasie-Aktionen Getöteten, der verschleppten und ermordeten Juden in den Konzentrationslagern sowie der getöteten und gefallenen russischen Juden aus dem "Großen Vaterländischen Krieg", wie es heißt.

Seit dem Jahr 2002 ist auf den Friedhof ein neues Gräberfeld eröffnet worden, das ausreichenden Abstand zum alten hält und so unzulässige "Doppelbelegungen" vermeidet.

Ausführliche Biografien

Neben dieser Geschichte enthält das Buch, an dem fünf Autorinnen und Autoren mitgearbeitet haben, ausführliche Biografien der Erlanger jüdischen Familien und deren Schicksale, erinnert an die Soldaten aus den Familien und geht den Spuren der Familie Herz auf dem Friedhof nach.

Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Ester Limburg-Klaus, erläutert den jüdischen Umgang mit dem Sterben und den rituellen Umgang damit, die Bamberger Rabbinerin Antje Yael Deusel klärt über die Endzeit- und Jenseits-Vorstellungen – die Eschatologie – im Judentum auf, Detlev Müller widmet sich dem Grab von Jakob Herz in Baiersdorf. Und Erlangens Stadtarchivar Andreas Jakob zeigt an den – von den Nazis auch zerstörten – Denkmalen für Jakob Herz auf, wie die Ausgrenzung der Juden im 10. Jahrhundert erst überwunden wurde und wie schwer sich die Nachkriegsgesellschaft damit tat, das unter den Nazis erlittene Unrecht wieder gutzumachen.

Das reich bebilderte Buch versammelt als Bildautoren neben einigen Textautoren den Fotografen Lothar Mayer, der sehenswerte Eindrücke des Friedhofs eingefangen hat, das Jüdische Museum Prag hat ebenso Bilder beigesteuert wie die israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem.

ZDer jüdische Friedhof in Erlangen, 144 teils bebilderte Seiten, Hrsg.: Freundeskreis der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen, 10 Euro, erhältl. im Gemeindehaus d. jüd. Gemeinde, Rathsberger Str. 8 b. 

pm

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