Montag, 17.12.2018

|

zum Thema

Vom Märchenhaften zum Fantastischen

Orchestre National de Lyon und Khatia Buniatishvili begeisterten in der Ladeshalle - 08.11.2018 18:56 Uhr

Ganz locker: Pianistin Khatia Buniatishvili und das Orchestre National de Lyon vorab bei den Proben. © Foto: Harald Sippel


Aufgrund einer Programmumstellung erklang zum Auftakt die viersätzige Orchestersuite "Le Tombeau de Couperin" von Maurice Ravel, die nicht nur als Hommage für seinen französischen Künstlerkollegen Francois Couperin gedacht war, sondern das "Tombeau", gleich Grabmal, sollte auch musikalisch an bestimmte Kameraden erinnern, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. In dieser, auf Grundlage barocker Formen basierenden Komposition, die Ravel zeitgenössisch bearbeitet und instrumental im Stil seiner Zeit verfremdet hat, bewies das französische Lyon-Orchester unter seinem exzellenten, mit beeindruckender Präsenz agierenden Dirigenten Leonard Slatkin, wie exakt und nuanciert es diesen Zyklus und dessen spezifische, impressionistische Tonsprache den Zuhörern zu vermitteln verstand. Die musikalische Gestaltungskraft dieses Ensembles und dessen vorzügliche Interpretation der zum Teil dissonant klingenden Sätze bewiesen eindrucksvoll, über welche spielerische Qualität diese Musiker verfügen.

Emotionale Einheit

Voller Anspannung erwartete anschließend das Publikum Auftritt und Spiel der inzwischen weltberühmten georgisch-französischen Pianistin Khatia Buniatishvili, die ihre Interpretationskunst auch in den Dienst politisch-gesellschaftlicher Reformen in aller Welt stellt. In Sergej Rachmaninows zweitem, wohl bedeutendsten Klavierkonzert, ein in der Tradition Beethovens und der Romantik stehendes Werk, das im Jahr 1900 in Moskau uraufgeführt wurde, demonstrierte sie auf dem generalüberholten Steinway-Flügel, den sie an diesem Tag einweihte, ihre fantastischen Fähigkeiten bei ihrer Interpretation dreier höchst unterschiedlich strukturierter Sätze. Klavier und Orchester, bei Rachmaninow anfangs zu einer spannungsvollen, auch emotionalen symphonischen Einheit verflochten – dieses herrliche, einfühlsame Wechselspiel beherrschte diese fantastisch aufspielende Solistin souverän. Ihre Darstellung einer pathetischen-virtuosen Marschsequenz, bei der sie ihre eminenten musikalisch-technische Brillanz, subtil begleitet vom Orchester, meisterhaft darbieten konnte, war grandios.

Auch im folgenden weltberühmten, häufig als Background für Hollywood-Filme benutzten melodiösen Adagio mit einer brillanten Klavierkadenz bewies die Interpretin, dass sie sehr gefühlvoll, zugleich aber auch technisch perfekt die komplexen Akkord-Zusammenballungen in diesem Satz den angespannt lauschenden Zuhörern vermitteln konnte. Das furiose Rondo-Finale, mit seinen glanzvollen pianistischen Höhepunkten, geriet dieser vorzüglichen Künstlerin mit ihrem meisterlichen Spiel ebenfalls hervorragend. Für den Riesenbeifall des Publikums revanchierte sie sich mit einem modern bearbeiteten Menuett von Händel in g-Moll.

Auf diese exzellente, technisch und musikalisch in gleicher Weise atemberaubende Präsentation der Pianistin Khatia Buniatishvili folgte nach der Pause das beschauliche, stimmungsvolle und poetische "Adagio for Strings" des amerikanischen Komponisten Samuel Barber, der 1936 einen langsamen Quartettsatz für Streichorchester bearbeitet hatte. Dieses als Filmmusik popularisierte Stück spielten die Musiker sehr einfühlsam, bevor ihr kraftvoll agierender Dirigent Slatkin mit dem Konzert-Klassiker "Bilder einer Ausstellung" die Schlussphase einleitete. Den monumentalen Klavierzyklus von Modest Mussorgsky hatte der Franzose Ravel zu einem gigantischen Orchesterwerk umgearbeitet. Die teils skurril-grotesken, teils märchenhaft-fantasievollen Themen der einzelnen Bilder wie "Catacombe" oder "Limoges. Le marche" setzte Ravel souverän in ein gewaltiges, musikalisch komplexes Tongebilde um, wie das monumentale "große Tor von Kiew" nachdrücklich beweist.

Tiefer Eindruck

Aufgrund der vorzüglichen Präsentation durch das engagierte Orchester aus Lyon hinterließ diese plastische Musik einen tiefen Eindruck bei den Zuhörern. Charakteristisch für diese eruptiven Klang-Gebilde sind Solo-Passagen seltener Instrumente und höchst unterschiedliche Spieltechniken, die von dem gut organisierten, engagiert, impulsiv und mit Emphase spielenden Musikern unter der vorzüglichen, umsichtigen Leitung des Dirigenten Slatkin effektvoll in Szene gesetzt wurden.

Das Erlanger Publikum bejubelte dieses außerordentliche Konzerterlebnis, das ihm Leonard Slatkin und seine Musiker an diesem Abend geboten hatten, die wiederum revanchierten sich – in typisch französischer Manier – mit Jacques Offenbachs "Galop infernal", dem "Cancan" aus "Orpheus in der Unterwelt". 

DIETHARD HENNIG

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Erlangen