Dienstag, 18.12.2018

|

zum Thema

Nach Demo in Chemnitz: "Online-Pranger" abgeschaltet

Künstler-Webseite sollte helfen, Neonazis zu identifizieren - 06.12.2018 11:09 Uhr

Nach den ausschweifenden Protesten in Chemnitz erstellten Künstler eine Webseite, um die Beteiligten Neonazis an den Pranger zu stellen. © Jan Woitas/dpa


Stattdessen bedankt sich das ZPS auf der Seite bei zahlreichen Neonazis, die sich durch die Betätigung der Suchfunktion auf der Internetseite selbst entlarvt hätten. Die Aktion sei ein Erfolg gewesen, sagte ZPS-Gründer Philipp Ruch am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst in Berlin.

In nur drei Tagen habe die umstrittene Website www.soko-chemnitz.de rund 2,5 Millionen Besucher gehabt. Mit der heftigen Kritik an dem "Online-Pranger" habe die rasche Abschaltung nichts zu tun, sagte Ruch.

Insgesamt sind dem ZPS-Gründer zufolge etwa 1.500 Beteiligte an den rechten Demonstrationen in Chemnitz von Ende August identifiziert worden. "Die Aktion war eine Falle, ein sogenannter Honeypot, wie auf der Website jetzt nachlesbar ist", sagte Ruch. Innerhalb von drei Tagen sei ein "riesiger Datenschatz" entstanden. Über einen Algorithmus könne nun ein breites Netzwerk des Rechtsextremismus in Deutschland abgebildet werden.

Bilderstrecke zum Thema

Nach Messerattacke: Neonazis und Hooligans ziehen durch Chemnitz

Gewaltbereite Hooligans und Neonazis marschieren an zwei Tagen durch Chemnitz, es wird Jagd auf Ausländer gemacht und Angst verbreitet. Hintergrund ist der Tod eines 35-Jährigen, der bei einem Messerangriff von zwei Männern erstochen wurde. Politik und Polizei sind alarmiert über das Ausmaß der Gewalt.


"Das ist das Relevanteste, was es an Daten in Sachen Rechtsextremismus in Deutschland aktuell gibt", erklärte Ruch weiter. Dafür könnten sich auch zahlreiche Behörden interessieren. "Wenn zum Beispiel der Bundesinnenminister mehr wissen will und Lust auf einen Kaffee mit uns hat, dann soll er vorbeikommen", sagte Ruch. Horst Seehofer (CSU) müsse sich dann vom ZPS-Team allerdings "auch ein paar kritische Töne anhören für das, was er in diesem Jahr geliefert hat".

Die Künstler- und Aktivistengruppe hatte am Montag die Seite freigeschaltet. Sie rief dazu auf, die Beteiligten zu identifizieren und deren Arbeitgeber zu informieren. Die Aktion war auf heftige Kritik gestoßen, unter anderem waren mindestens neun Strafanzeigen gegen das ZPS eingereicht worden. Der Deutsche Kulturrat sprach von einer "problematischen Kunstaktion". Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums betonte am Mittwoch, das Monopol zur Strafverfolgung liege beim Staat und den Polizei- und Justizbehörden - "und da soll es auch bleiben". Für Fahndungsaufrufe würden strenge Regularien gelten.


Rechte bekommen Gegenwind: Friedens-Demos in Chemnitz


Vor rund einem Jahr hatte das "Zentrum für politische Schönheit" mit einem Nachbau des Holocaust-Mahnmals in Thüringen bundesweit Schlagzeilen gemacht. Damit sollte gegen eine Rede des thüringischen AfD-Chef Björn Höcke vom Januar 2017 in Dresden protestiert werden. Darin hatte der Politiker mit Bezug auf das Berliner Mahnmal von einem "Denkmal der Schande" gesprochen. Auch bei dieser Aktion des ZPS gab es mehrere Dutzend Strafanzeigen gegen die Künstlergruppe, die bislang alle erfolglos blieben.

Bilderstrecke zum Thema

Tote Hosen, K.I.Z und Kraftklub: #Wirsindmehr-Konzert in Chemnitz

"Bunt statt braun", "Kein Platz für Nazis", "Herz und Hirn statt Hetze": Die Besucher des Konzerts halten bunte Schilder in die Höhe und setzen ein klares Statement: Rassismus wird nicht geduldet! Feine Sahne Fischfilet, Trettmann, K.I.Z, Kraftklub, Nura, Marteria, Casper und Die Toten Hosen schließen sich dieser Ansicht an und sorgen in Chemnitz für eine ausgelassene Stimmung.


 

epd

13

13 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Panorama